Die akademische Laufbahn von Wolfgang Kiesl begann nach der Matura im Jahre 1954 an der Goethe-Realschule in der Astgasse in Wien. Ab dem Wintersemester 1954/55 studierte er an der Universität Wien Chemie, wo er im Juli 1964 mit einer Arbeit zur "Neutronenaktivierungsanalytischen Bestimmung von Verunreinigungen in Aluminium" bei seinem Lehrer, Prof. Hecht, in Analytischer Chemie promovierte. Ab 1964 war er dann als Universitätsassistent am Analytischen Institut angestellt, wo er sich ausführlichen Forschungen aus der Radiochemie, insbesondere der Neutronenaktivierungsanalyse, zuwandte. Publikationen in den einschlägigen Zeitschriften "Mikrochimica Acta", "Atompraxis", Monatshefte für Chemie, Fresenius Zeitschrift für Analytische Chemie, Journal of Radioanalytical Chemistry, und andere, folgten während der 1960er und 1970er Jahre.
Außergewöhnliche Arbeiten auf dem Gebiet der Mikrochemie
Bald schon hat er sein Interesse der Spurenelementbestimmung in Meteoriten zugewendet; die Kosmochemie war zu dieser Zeit ein brandaktuelles neues Forschungsthema, das mit den neu entwickelten Methoden der analytischen Chemie und der Radio- oder Nuklearchemie interessante neue Resultate lieferte. Mit diesen Arbeiten habilitierte sich Wolfgang Kiesl am 20. April 1972 und erhielt knapp danach, 1973, den Fritz-Pregl-Preis der Österreichischen Akademie der Wissenschaften "für aussergewöhnliche Arbeiten auf dem Gebiet der Mikrochemie" zugesprochen. Im Jahr 1974 veröffentlichte er zusammen mit Hans Malissa Jr. ein Buch zum Thema "Analyse extraterrestrischen Materials", das aus einem im Vorjahr zu Ehren von Prof. Hechts 70. Geburtstag abgehaltenen Symposium hervorging.
Eine enge Kooperation mit den Vatikanischen Museen, insbesonders der "Specola Vaticana", die auch die Meteoritensammlung des Vatikans betreut, fiel in diese Zeit. Für die Hilfe bei der Klassifizierung der Meteoritensammlung und die Überlassung von Meteoritenproben erhielt Wolfgang Kiesl 1973 vom Vatikan die Mineraliensammlung des Vatikans als unbefristete Leihgabe für die Universität Wien. In den 1970er und Anfang der 1980er Jahre folgten viele weitere Arbeiten zur Spurenelementanalytik von Meteoriten, unter anderem mit der damals gerade neu angeschafften Elektronenstrahlmikrosonde. Damals kamen auch die ersten Apollo-Mondproben von der NASA an das Analytische Institut für Spurenelementuntersuchungen - in Europa eine Seltenheit. Kiesls Verdienste in der anorganischen Analytik von Gesteinen und Meteoriten, mit damals ganz neuen Methoden, sind vielfältig. In weiterer Folge wurde er auch für seine erfolgreichen Arbeiten mit Beginn des Jahres 1980 zum ausserordentlichen Universitätsprofessor (damals der Professorenkurie zugehörend) ernannt.
Ordinarius für Geochemie
Anfang der 1980er Jahre wurde an der Universität Wien auch die Einrichtung eines neuen Instituts für Geochemie zuerst diskutiert und dann tatsächlich verwirklicht, und mit 22.1. 1985 wurde Wolfgang Kiesl als Ordinarius für Geochemie berufen - und er blieb bis heute der einzige Ordinarius für dieses breite Fachgebiet; nach seiner Emeritierung wurde die Professur umbenannt und geändert. In den Jahren seit 1985 hat er viel Zeit und Kraft in den Aufbau des neuen Instituts, sowie die Einbindung in den Studienplan, investiert, was mit Unterstützung seiner damaligen Mitarbeiter Helmut Weinke, Wilfried Körner, und Christian Köberl dann doch recht erfolgreich gelang. Viele Arbeiten zur Lagerstättengeochemie folgten. Vor allem aber hat Wolfgang Kiesl seine Anstrengungen in den Aufbau und die Durchführung von guten Lehrveranstaltungen investiert. Bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2004 hat er Dutzende Diplom- und DoktoratsstudentInnen betreut. Viel Zeit hat aber auch die Führung des Instituts für Geochemie, bis es im Jahr 2003 in damaligen "Institut für Geologische Wissenschaften" aufging, gekostet, und nach der Emeritierung von Prof. Zemann im Jahr 1989 übernahm Wolfgang Kiesl noch bis 1991, zum Amtsantritt von Ekkehart Tillmanns, den Vorstand des Instituts für Mineralogie und Kristallographie.
Universitätslehrer, Forscher und Institutsvorstand - Freund und Kollege
Wolfgang Kiesl war ein Universitätslehrer im besten Sinn des Wortes - immer für die StudentInnen da, immer hilfsbereit - oft sogar auf Kosten seiner eigenen Forschungszeit. Immer hat er die Laborpraktika selbst durchgeführt, stand selbst stunden-, ja tagelang mit den StudentInnen im Einführungspraktikum, im Fortgeschrittenenpraktikum, oder im Feldpraktikum, hat Anleitungen, Skripten, usw., verfasst, verfeinert, mit den Studierenden diskutiert. Immer war er da, wenn Hilfe im chemischen Labor gefragt war, egal ob von einem Kollegen, einem Doktoranden, oder einem erstsemestrigen Studenten. Auch heute noch erinnern sich frühere Studenten der Geochemie ganz konkret an Prof. Kiesls Hilfsbereitschaft. Schon früh und konsequent hat er StudentInnen aus Dritte-Welt-Länder gefördert. Die Nachricht seines Ablebens hat unter früheren Geochemie-Studierenden z.B. aus Äthiopien, Ghana, und Uganda, sofort traurige Nachrichten der Wertschätzung hervorgerufen - wie sehr man sich an seine Unterstützung erinnern kann, und zwar nicht nur im Labor, sondern in allen Belangen, auch bei administrativen Problemen.
Wolfgang Kiesl war nicht nur ein erfolgreicher Universitätslehrer, Forscher, und Institutsvorstand - viele von uns an der Universität werden ihn als immer freundlichen, netten, hilfsbereiten, und vor allem ehrlichen und unparteiischen Freund und Kollegen, der nie an sich selbst zuerst dachte, in Erinnerung behalten - und vermissen. Als persönliche Bemerkung am Ende möchte ich meine Dankbarkeit ausdrücken, denn Wolfgang Kiesl hat mich als jungen Assistenten vor etwa 25 Jahren angestellt, und hat mir seitdem viele wertvolle und unersetzliche Unterstützung und Hilfe (sowohl wissenschaftliche wie bürokratisch) im Laufe meiner akademischen Karriere angedeihen lassen, und das werde ich ihm nie vergessen. Die Beisetzung erfolgt am Freitag den 16. Oktober 2009 um 15 Uhr am Zentralfriedhof, Tor 2, Halle.
Univ. Prof. Dr. Christian Koeberl, Leiter, Department für Lithosphärenforschung |