"Mich hat immer interessiert, wie man Abläufe und Veränderungen darstellt und unterstützt", sagt Univ.-Prof. Dr. Johann Eder über den Inhalt seiner Antrittsvorlesung "Prozessorientierte Informationssysteme". "Um eine Aufgabe erledigen zu können, muss man viele Teilaufgaben erledigen. Eine Qualität bekommt das nur, wenn man es als zusammenhängenden Prozess betrachtet." Eders Forschungsinteressen liegen bei Workflow-Management-Systemen (insbesondere Zeitmanagement), Datenbanken, Informationssystemen und Knowledge Engineering.
Seit acht Monaten forscht und lehrt der gebürtige Oberösterreicher Johann Eder an der Universität Wien, die er als Außerordentlicher Professor 1990/91 und als Gastprofessor kennen gelernt hat. 14 Jahre lang war er Professor für Betriebliche Informations- und Kommunikationssysteme an der "kleinen Uni Klagenfurt": "Es hat mich gereizt, etwas Neues anzufangen. An der größten österreichischen Universität gibt es vielfältige Möglichkeiten an Kooperationen, gerade in der angewandten Informatik."
In-silico-Experiment
Eine solche Kooperation, das Projekt "GATiB", startet demnächst im Rahmen des GEN-AU Programms. Eder und sein Team helfen beim Aufbau der Software für eine Biobank (= Sammlung genetischen und biologischen Materials) und entwickeln ein Data Warehouse, also eine zentrale Datenbank, mit deren Hilfe Patienten- und Krankengeschichtsdaten mit Genexpressionsdaten in Beziehung gesetzt werden können. "Neu ist, dass die Anonymität der Patienten maximal garantiert ist, das Gewebematerial aber dennoch maximal ausgewertet werden kann, man nicht immer auf neues Material zurückgreifen muss." Die Idee dahinter: Vom In-vivo- übers In-vitro- zum In-silico-Experiment.
Der Aufbau der Krankheitsbank basiert auf einer der weltweit größten Gewebesammlungen, nämlich jener des Instituts für Pathologie der Medizin-Universität Graz, die über 2,5 Millionen Proben enthält. Das Gewebematerial soll auf vielfältige Weise untersucht werden, um die Ursachen von Krankheiten (Was unterscheidet eine gesunde von einer kranken Zelle? Warum wird der Krebs einmal rabiat und ein anderes Mal nicht?) besser erforschen zu können. Die BiowissenschafterInnen sollen mit dem neu entwickelten System auf einfache Weise Algorithmen und Daten kombinieren können, um Auswertungen vorzunehmen.
Neben dem Grazer Pathologie-Institut, das die Projektleitung innehat, ist auch die Wiener Medizinuni beteiligt; begleitend analysiert der Politikwissenschafter Univ.-Prof. Dr. Herbert Gottweis, wie weltweit mit Biobanken umgegangen wird und wie die rechtlichen und ethischen Rahmenbedingungen aussehen (müssen).
In/Kompatible Informationssysteme
Eder arbeitet seit zweieinhalb Jahren bei einem EU-Projekt (Network of Excellence) mit, an dem insgesamt 47 europäische Universitäten und Forschungseinrichtungen unter der Leitung der Universität Bordeaux beteiligt sind. Bei "Interop" (von Interoperability) geht es um die In/Kompatibilität von Informationssystemen: "In Unternehmen wurden Informationssysteme oft getrennt voneinander entwickelt, sie beruhen auf unterschiedlichen Techniken, Namenskonventionen, Datendarstellungen etc. Erforscht werden soll, wie diese heterogene Landschaft von Systemen zusammenspielen kann."
Seit einem halben Jahr läuft das EU-FET (Future and Emerging Technologies)-Projekt "WS-Diamond" (Webservice, Diagnosability, Monitoring and Diagnosis). In diesem Projekt unter Beteiligung von Universitäten in Österreich, Italien, Frankreich und den Niederlanden bringt Eder seine Kompetenz im Bereich Workflow-Systeme ein. "Es geht um selbst heilende Systeme, die in der Lage sind, auf Ausnahme-, Fehlersituationen adäquat zu reagieren. Geordnet soll versucht werden, auf anderen Wegen das Ziel zu erreichen."
Lehre: Investition in den Nachwuchs
Die Lehre ist Eder, der seit September 2005 einer der drei VizepräsidentInnen des FWF ist, wichtig. "An der Uni bilden wir größtenteils unsere eigenen Mitarbeiter aus; um sie für Forschungsprojekte reif zu machen, muss man vorher in die Lehre investieren." Diplomarbeiten vergibt er gerne in Bereichen, in denen die Studierenden direkt in die Forschung eingebunden sind. Natürlich sei die "Halbwertszeit des Wissens" in der Informatik kurz, auch wenn sich in den letzten Jahren in den Grundlagen nicht mehr ganz so viel ändert wie noch vor 15 Jahren. "Am Ball bleibt man am besten durch die eigene Forschung."
Starke Grundlagenforschung
"Wenn man den Studierenden erklären will, wie man zum Beispiel ein Data-Warehouse-System in einer Firma einführt, dann ist es gut, so etwas einmal gemacht zu haben", sagt Eder über seine Tätigkeit als Unternehmensberater, die er ab und zu ausübt. Oft habe er im Zuge von Consulting-Aufgaben auch Ideen für Forschungsprojekte bekommen. Dennoch plädiert er dafür, dass an einer Universität die Grundlagen- nicht zugunsten der angewandten Forschung vernachlässigt wird. "Viele Anwendungsprojekte beruhen auf jahrelanger Grundlagenforschung; wenn man die nicht hat, wird man austauschbar. An einer Universität sollte man gründlicher nachdenken, als es die Informatikindustrie, die wesentlich kurzfristiger orientiert ist, kann." (mh)
Die Antrittsvorlesung von Johann Eder, "Prozessorientierte Informationssysteme", findet am Mittwoch, 10. Mai 2006, um 17 Uhr im Kleinen Festsaal der Universität Wien statt. Begrüßung: Günther Vinek, Vizerektor der Universität Wien Einleitende Worte: Günter Haring, Dekan der Fakultät für Informatik |