Kurt Schubert, der Begründer der Wiener Judaistik und langjähriger Professor am Institut für Judaistik der Universität Wien, ist am Sonntag, 4. Februar 2007, im 84. Lebensjahr gestorben. Schubert war einer der großen Vorkämpfer für den christlich-jüdischen Dialog. In der Widerstandsbewegung aktiv, war er maßgeblich am Wiederaufbau der Universität Wien im Frühjahr 1945 beteiligt. |
Das Institut für Judaistik an der Universität Wien, das Kurt Schubert 1966 begründete, war europaweit das erste Institut seiner Art. 1972 hatte er auch das Jüdische Museum in Eisenstadt gegründet. Am 2. Mai 1945 hielt Schubert die erste Vorlesung an der Universität Wien nach der NS-Zeit, was 50 Jahre später mit einer Jubiläumsvorlesung gefeiert wurde. Der Doyen der österreichischen Judaistik verstarb am Sonntag, 4. Februar 2007, einen Monat vor seinem 84. Geburtstag.
In einer ersten Stellungnahme würdigte Vizerektor Günther Vinek für das Rektorat die hohen Verdienste von Prof. Schubert für die Universität Wien und für die Wissenschaft. Günther Vinek: "Der beispielgebende Einsatz von Kurt Schubert für den Wiederaufbau der Universität Wien ab 1945 und sein unermüdliches Wirken für die Universität, das sich beispielsweise auch in seinem wissenschaftlichen Festvortrag im Jahr 2005 dokumentiert, verdienen unseren besonderen Dank."
Studium Altsemitische Philologie
Kurt Schubert wurde am 4. März 1923 in Wien geboren. Er besuchte das Theresianum und war 15 Jahre alt, als Adolf Hitler im März 1938 in Österreich einmarschierte. Die unmittelbar danach ausbrechende Judenverfolgung bewog ihn, sich wissenschaftlich mit dem Judentum auseinanderzusetzen. Den Nationalsozialismus verstand er als antichristliche Häresie, der man zu widerstehen hatte. Deshalb wählte er nach der Matura 1941 das Studium der Altsemitischen Philologie an der Universität Wien ? als Zeichen des geistigen Protestes gegen das NS-Regime. Es erlaubte ihm, sich während der NS-Herrschaft auf "unverfängliche" Weise dem Studium der hebräischen Sprache zu widmen. Zusammen mit Schubert studierten noch drei Theologen ? unter ihnen auch der spätere Kardinal Franz König.
Schubert hatte das "Glück" gehabt, aus gesundheitlichen Gründen nicht "kriegsverwendungsfähig", sondern nur "arbeitsverwendungsfähig" gewesen zu sein, weshalb er überhaupt studieren konnte, erzählte er der Online-Zeitung in einem Interview anlässlich des 50-jährigen Jubiläums des Wiederaufbaus der Universität Wien nach dem Zweiten Weltkrieg. Als Christ war es für ihn eine Notwendigkeit, etwas gegen den Nationalsozialismus zu unternehmen, so Schubert.
Katholischer Widerstandskämpfer
Während der NS-Zeit gehörte er sowohl der österreichischen Widerstandsbewegung (sein Vater war aktiver Widerstandskämpfer) als auch der verbotenen "Katholischen Studentenseelsorge" an. Dort waren auch der spätere Rektor der Universität Wien und Wissenschaftsminister Hans Tuppy sowie die spätere Zeithistorikerin Erika Weinzierl engagiert.
Während des Krieges beim Luftschutz in Wien-Leopoldstadt tätig, rettete der junge Student die Bibliothek des Wiener Rabbinerseminars vor der Vernichtung und sorgte nach 1945 für den Transfer der kostbaren Buchbestände nach Israel. Zum Dank lud ihn die Hebräische Universität von Jerusalem zum ersten Unabhängigkeitstag 1949 nach Israel ein.
Eröffnung der Universität Wien am 2. Mai 1945
Schubert war auch für die rasche Wiedereröffnung der Wiener Universität nach Kriegsende mitverantwortlich. Im April 1945 holte sich der 22-Jährige vom russischen Stadtkommandanten dazu die nötige Vollmacht, aus dem Schreibtisch des Rektors den Universitätsstempel. Das nationalsozialistische Wappen schnitt Schubert aus dem Stempel heraus und ersetzte es ? behelfsmäßig ? durch den Adler des Ständestaates. So konnte der Studienbetrieb noch im Mai 1945 wieder aufgenommen werden. In diesen ersten Tagen war er für die Administration der Universität verantwortlich und damit quasi erster "Rektor" nach dem Krieg, ehe am 25. April der Jurist Ludwig Adamovich zum ersten Nachkriegs-Rektor gewählt wurde. Am 29. Mai 1945 begann der reguläre Vorlesungsbetrieb für das Sommersemester.
Schon am 2. Mai 1945 hielt Schubert ? damals noch "wissenschaftliche Hilfskraft" ? seine erste Vorlesung vor rund 50 Studenten, die erste Lehrveranstaltung überhaupt nach dem Zweiten Weltkrieg: "Hebräisch für Anfänger". Im Jänner 1949 habilitierte sich Schubert, erhielt ? 25-jährig ? die "venia legendi" und arbeitete als Dozent am Institut für Orientalistik. 1959 wurde Schubert zum außerordentlichen Professor berufen.
Erstes Judaistik-Institut europaweit
1966 wurde er schließlich zum ordentlichen Professor für Judaistik ernannt ? damit wurde an der Universität Wien das erste Institut für Judaistik europaweit gegründet, dem er bis zu seiner Emeritierung 1993 vorstand. Auch nach seiner Emeritierung lehrte er bis zuletzt an der Universität Wien; für das Sommersemester 2007 hatte er eine Vorlesung zur Geschichte des österreichischen Judentums geplant.
Emer. Univ.-Prof. Dr. Kurt Schubert beschäftigte sich wissenschaftlich vor allem mit Qumran, jenem Ort am Toten Meer, der durch den Fund von Schriftrollen der jüdischen Sekte der Essener berühmt wurde und publizierte dazu als erster in deutscher Sprache. Weiters forschte er zu antiker und mittelalterlicher jüdischer Kunst. Als sein "zweites wissenschaftliches Kind" bezeichnete Schubert immer das Österreichische Jüdische Museum in Eisenstadt, das er 1972 begründete und dem er bis zuletzt aufs engste verbunden blieb.
Dialog zwischen Christen und Juden
Kurt Schubert war immer überzeugt, dass nur die Information und Aufklärung über die Kultur und Religion der Juden den Antisemitismus zurückdrängen können. Als Gründer und langjähriger Präsident des "Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit" war er stets um den Dialog zwischen Christen und Juden bemüht, ebenso setzte er sich für eine objektive Darstellung des Judentums in den katholischen Religionsbüchern ein. Kardinal König würdigte seinen Freund deshalb einmal als Wegbereiter eines neuen Verhältnisses zwischen Christen und Juden. Schubert war auch viele Jahre Präsident des Österreichischen Katholischen Bibelwerks.
Verheiratet war er mit der Kunsthistorikerin Dr. Ursula Schubert, die im August 1999 starb. Mit ihr verband ihn die Erforschung der jüdischen Bildkunst.
Auszeichnungen
Prof. Kurt Schubert war Direktor der Wiener Internationalen Hochschulkurse, Ehrenmitglied der philologisch-historischen Klasse (2004) sowie seit 1987 korrespondierendes Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und Ehrensenator der Universität Wien. Im Vorjahr wurde Schubert mit dem internationalen "Sir Sigmund Sternberg-Award" ausgezeichnet, der das Engagement von Personen und Organisationen im Dienst interreligiöser Verständigung würdigt. In seiner Dankesrede betonte er, dass er nie Probleme gehabt habe, seine tiefe Verwurzelung in der katholischen Kirche und seine Liebe zum Judentum miteinander zu verbinden.
Im November 2006 starb ein langjähriger Kollege von Kurt Schubert, tit. ao. Univ.-Prof. Dr. Jacob Allerhand. Kurt Schubert schrieb damals einen Nachruf (PDF) ? nun müssen wir mit Bedauern Nachrufe über Kurt Schubert lesen. (APA/kath.press/mh)
Die Beisetzung von Prof. Kurt Schubert findet am Donnerstag, 8.2.2007 um 13 Uhr am Döblinger Friedhof statt. Die Seelenmesse wird ebenfalls am Donnerstag, 8.2.2007 um 20 Uhr im Stephansdom gelesen.
|