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Lutz Niethammer ist im Studienjahr 2008/09 Gastprofessor (1. Franz Vranitzky Chair for European Studies) am Institut für Zeitgeschichte.


Lebenslauf Lutz Niethammer (Universität Jena) Nachlese: Gespräch mit Lutz Niethammer des Bayerischen Rundfunks (PDF) (gesendet am 27.1.2006)
Lutz Niethammer: Auf der Suche nach den Erfahrungen des Volkes
Porträts Neo-Professuren, Wissenschaft
Wolfgang Feller am  1. Oktober 2008

Mit Anfang Oktober 2008 übernimmt Lutz Niethammer, emeritierter Professor der Universität Jena, den 1. Franz Vranitzky Chair for European Studies. Die von der Österreichischen Nationalbank, der Bank Austria und der Österreichischen Elektrizitätswirtschaft gestiftete und jeweils für ein Jahr eingerichtete Professur wird im ersten Jahr am Institut für Zeitgeschichte an der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät angesiedelt. Am Dienstag, 7. Oktober 2008 hält der renommierte Alltagshistoriker eine öffentliche Vorlesung im Kleinen Festsaal der Universität Wien.

Lutz Niethammer wurde 1939 in Stuttgart geboren und studierte in Heidelberg Geschichte und Sozialwissenschaften. Nach seiner Promotion 1971 und einem Aufenthalt als Research Fellow am St. Antony's College in Oxford wurde Niethammer 1973 auf den Lehrstuhl für Neuere Geschichte an der Universität Essen berufen, auf dem er bis 1982 lehrte. Von 1983 bis 1993 war er Inhaber des Lehrstuhls für neuere Geschichte an der Fernuniversität Hagen, anschließend bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2005 Professor für Neuere und neueste Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Alltagsgeschichte und Erfahrungsgeschichte

Die inhaltlichen Schwerpunkte von Niethammers Forschungs- und Lehrtätigkeit liegen bei den zwei großen Kontinuitätsbrüchen der neueren deutschen Geschichte: 1945 der Bruch mit dem Nationalsozialismus und 1990 der Bruch mit dem Kommunismus. Die Anfänge seiner Forschungsarbeiten in den 1970er Jahren über die Entnazifizierung in Bayern folgten noch dem Paradigma klassischer Archivarbeit mittels schriftlicher Quellen. Im Rahmen des Forschungsprojekts "Lebensgeschichte und Sozialkultur im Ruhrgebiet 1930–1960" entwickelte Niethammer jenen Forschungsansatz, der seither als Alltagsgeschichte oder Erfahrungsgeschichte zu einer wichtigen Ergänzung der traditionellen Geschichtsschreibung wurde.

In einem Interview mit dem Bayerischen Rundfunk im Jahr 2006 beschreibt er die damals in der deutschen Geschichtswissenschaft völlig neue Zugangsweise zu den "Erfahrungen des Volkes": "Wir haben uns nicht für diejenigen Menschen interessiert, die ohnehin Quellen zur Verfügung stellen – Stattdessen haben wir uns für diejenigen interessiert, die normalerweise keine Tagebücher führen, keine Akten hinterlassen, über die höchstens mal die Polizei berichtet, aber sonst niemand."

Oral History, eine aufwändige Forschungsmethode

Aufbauend auf dieser ersten breit angelegten und professionell betriebenen Befragung von –einfachen– Menschen legte Niethammer (gemeinsam mit Kollegen wie Alexander von Plato u.a.) den Grundstein für die Forschungsmethode der Oral History. Das direkte Gespräch und die Aufzeichnung der Erzählungen ist dabei nur der erste Schritt einer mehrstufigen Vorgangsweise. Die Interviews werden verschriftlicht und einer umfangreichen und sorgfältigen Textanalyse unterzogen, um sie angemessen interpretieren zu können:

"Man muss versuchen, diese Befragungen wieder zu zerlegen: Man darf sie nicht einfach nur als den Gedächtnisstrom des immer nur sich richtig erinnernden Zeitzeugen nehmen. Stattdessen muss man schauen: Wo hat er etwas wirklich Interessantes gesagt? Nach welchen Formen, die ihm die Gesellschaft vorgegeben hat, hat er seine Erinnerungen organisiert?", so Niethammer im Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk.

Für Niethammer stellt die Oral History eine sehr aufwändige Forschungsmethode dar, die sich nur dort empfiehlt, wo keine anderen Quellen zur Verfügung stehen und man sich auf die Komplexität des Erinnerungsprozesses einlässt und sich genau fragt, wo er etwas bringt.

Nicht unwahrscheinlich, dass für die Entwicklung dieser Forschungsmethode eine persönliche Erfahrung Niethammers aus seiner Studienzeit hilfreich war: Denn sein erstes Studium war jenes der protestantischen Theologie, über das Niethammer später sagte, dass er den Theologen dankbar für die Ausbildung gewesen sei: "Denn heilige Texte liest man dermaßen sorgfältig, wie das die Historiker mit ihren Texten eigentlich auch tun sollten, aber meistens nicht tun. Dafür bin ich also immer dankbar gewesen."

"Ich habe wohl immer aufgebaut"

Die Erforschung der erfahrungsgeschichtlichen Dimension der Gesellschaftsgeschichte und die Etablierung der Oral History in Deutschland sind die bekanntesten Wirkungsbereiche von Lutz Niethammer. Parallel zu seiner umfangreichen Forschungstätigkeit, deren Schwerpunkt sich seit den 1990er Jahren auf das Gebiet der ehemaligen DDR verlagerte, steht eine ebenso vielfältige Karriere im Forschungsmanagement. Von 1998 bis 1993 war Niethammer Gründungsbeauftragter und erster Präsident des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen; unzählige Berufungen in wissenschaftliche Beiräte von Instituten, Stiftungen und Forschungsprogrammen ebenso wie vielfältige Funktionen in universitären und außeruniversitären Gremien sind Beleg für sein außergewöhnliches wissenschaftspolitisches Engagement.

Über die Triebfeder dieser Facette seiner Karriere sagt Niethammer in einem Rundfunkinterview aus dem Jahr 2006 in Zusammenhang mit seiner Professur an der Fernuniversität Hagen: "Ich war dort der erste Historiker und habe daher das Fach Geschichte aufgebaut. Ich habe wohl immer aufgebaut. In allen Institutionen war ich irgendwie mit Aufbau beschäftigt." (wf)

Öffentliche Vorlesung von Lutz Niethammer:
"Erfahrungsgeschichtliche Erwägungen zur Konstruktion Europas"
Dienstag, 7. Oktober 2008, 18 Uhr
Universität Wien, Kleiner Festsaal, Dr.-Karl-Lueger-Ring 1, 1010 Wien

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