"Wie so viele meiner KollegInnen bin ich nicht als Altgermanist auf die Welt gekommen, sondern im Zuge des Germanistikstudium über die 'alten Texte' gestolpert und aus Faszination an der Sache dabei geblieben", erklärt der neue Professor für Ältere deutsche Literatur am Institut für Germanistik, Matthias Meyer: "Die Literatur des Mittelalters bietet sich für literaturtheoretische Fragen, die mich interessieren, wie etwa der Darstellung von Männlichkeit, sehr gut an."
Den "Einstieg" in die deutsche Mittelalterliteratur bildeten für Univ.-Prof. Dr. Matthias Meyer, M.A., die Artusromane aus dem 13. Jahrhundert, über die er auch seine Dissertation (1991, FU Berlin) verfasste. Bis heute ist der gebürtige Deutsche dieser literarischen Gattung des Mittelalters treu geblieben und kehrt immer wieder gerne zu den Texten zurück: "Die Texte bieten aus heutiger Sicht ein hohes Verblüffungspotenzial. So kommt zum Beispiel in einem Romanfragment ein 'magischer Bademantel' vor."
Jedem Hof sein Artusroman
Die deutschsprachige Artusliteratur hat mit der eigentlichen, erstmals in England, dann in Frankreich beschriebenen Artussage nur peripher zu tun: Der Hof des sagenumwobenen König Artus in Camelot bildet nur den Hintergrund für die Erzählung, die eigentliche Geschichte von König Artus wird nicht erzählt. Im Mittelpunkt der Erzählung steht jeweils ein Ritter der Tafelrunde (z.B. Lancelot oder Parzival), der als Held diverse Prüfungen zu bestehen hat. "In den Artusromanen wird das Verhältnis des Einzelnen zum Hof, von Individuum und Gesellschaft thematisiert. Das Mittel der Darstellung ist das Abenteuer", so Meyer: "Im Mittelalter war diese Gattung extrem populär. Jeder Hof, der etwas auf sich gehalten hatte, wollte einen eigenen Artusroman." Heute sind nur noch zwölf deutschsprachige Artusromane vollständig erhalten, daneben viele einzelne Textfragmente.
Mannkonstruktionen im Mittelalter
Die populäre Literatur des Mittelalters, wie Minnesang oder der höfische Roman, zählt zu den deutschsprachigen schriftlichen Quellen, die heute ein Bild der damaligen Kultur vermitteln. Im Gegensatz zu Kirchentexten oder wissenschaftlichen Abhandlungen erzählt die Literatur über das Selbstverständnis der Menschen. Neben dem Artusroman beschäftigt sich Matthias Meyer so auch mit spezifischen Aspekten der mittelalterlichen Gesellschaft, konkret hat er sich auf Men's Studies spezialisiert. Meyer arbeitete zur Konstruktion von Männlichkeit, Homosexualität oder zur Beziehung von Vätern und Söhnen im Mittelalter.
"Die Arbeit zu Geschlechterkonstruktion ist gerade im Mittelalter sehr spannend, weil die Gesellschaft just in jener Zeit viel mit Rollen experimentiert hat", erklärt Meyer. So ist zum Beispiel 'Cross-Dressing' ein klassisches Motiv in Legenden, etwa eine als Mann verkleidete Frau. Ein einheitliches Bild eines archetypischen mittelalterlichen Mannes konnte der Altgermanist in seinen Textanalysen nicht festmachen. Im Gegenteil, laut Meyer ist gerade das Fehlen eines solchen männlichen Idealbildes auffällig im Mittelalter: "Die Darstellung von Männlichkeit ändert sich je nach Textsorte."
Vater und Sohn
Weiters untersucht der Literaturtheoretiker auch die Beziehung von Vätern und Söhnen im Mittelalter. Dieses Thema ist Meyer ein wichtiges Anliegen, da es zwar zahlreiche Forschungen über Mütter und Töchter gibt, aber verhältnismäßig wenig über Vater und Sohn.
Die christliche mittelalterliche Gesellschaft basierte auf einem patrilinearen Prinzip. "Gerade deshalb ist es sehr interessant zu sehen, dass dieses Verhältnis von Vater und Sohn, das die Norm in der Gesellschaft schlechthin darstellt, in der damaligen Literatur häufig scheitert oder in die Krise gerät", so Meyer: "Ein gutes Beispiel sind die vielen, besonders spätmittelalterlichen erzählenden oder theatralen Variationen der biblischen Geschichte vom verlorenen Sohn."
Verstellung und Betrug
Das jüngste Forschungsfeld des Altgermanisten Matthias Meyer behandelt Aspekte der Konstruktion von Innen und Außen in der mittelalterlichen Literatur. Anders als heute herrschte im Mittelalter die Meinung vor, dass kein Mensch seine durch Geburt bestimmte Herkunft verleugnen kann; so wird zum Beispiel ein Adeliger selbst im Bettlergewand als Adeliger identifiziert. "Das Spannende hier ist, dass die Verkleidung in Texten dann aber doch sehr oft funktioniert und Menschen getäuscht werden. Viele Erzählungen drehen sich um genau jenes Spiel von Herkunft und Verkleidung", erklärt Meyer: "Ich frage nun, wann in den Texten diese Verstellungen eingesetzt werden und wie sie generell gedacht wurden." Zu diesem Thema plant Matthias Meyer auch eine Tagung, die im Juni 2009 stattfinden soll.
Weder staubig noch trocken
Die Zahl der Studierenden, die sich ausschließlich auf Altgermanistik spezialisiert, ist nicht sehr hoch. Doch es gibt für alle GermanistikstudentInnen einen Pflichtteil an Altergermanistik, der zu absolvieren ist. "Hier liegt für uns Lehrende die Chance, Studierende für unser Teilgebiet der Germanistik zu begeistern und zu zeigen, dass es gar nicht so trocken und staubig ist, wie die landläufige Meinung lautet", so Meyer: "Wir arbeiten mit modernen Theorien und wollen den Studierenden vermitteln, dass die Beschäftigung mit alten Texten sehr faszinierend sein kann." (td)
Die Antrittsvorlesung von Univ.-Prof. Dr. Matthias Meyer mit dem Titel "Auf der Suche nach - Einsamkeit" findet am Donnerstag, 5. Juni um 17 Uhr im Kleinen Festsaal der Universität Wien statt. |