Seine erste lange Forschungsreise führte Univ.-Prof. Dipl.-Geogr. Dr. Thomas Glade Anfang der 1990er Jahre für drei Monate nach Spitzbergen, eine bis auf wenige Siedlungen mit einigen Forschungsstationen unbewohnte Inselgruppe zwischen dem Nordatlantik und dem Arktischen Ozean. "Diese Reise hat mich und meine wissenschaftliche Arbeit maßgeblich beeinflusst. Ich untersuchte im Zuge einer Forschungsassistenz und Diplomarbeit an der Universität Heidelberg den Feststofftransport in arktischen Flüssen. Mich beeindruckte dabei, wie sensibel das arktische Geosystem auf Änderungen reagiert und wie stark der Mensch selbst in diesen entlegenen Regionen eingreift." Ein sehr persönliches Erlebnis auf der Inselgruppe hat den Geographen zusätzlich geprägt: "Damals ist ein guter Freund von mir durch eine Lawine auf Spitzbergen umgekommen. Das hat mich schwer getroffen und mir gleichzeitig vor Augen geführt, dass eine große Verantwortung besteht, das natürliche Geosystem besser zu verstehen."
Muren, Lawinen und Erosion
Das Spezialgebiet des Forschers, die Geomorphologie als ein Teilgebiet der Physischen Geographie, hat, kurz gesagt, Oberflächenprozesse wie Hangrutsche, Steinschläge, Lawinen oder Bodenerosion zum Thema. Hier untersucht der gebürtige Deutsche die Ursachen, die Auslöser und die Prozessabläufe, um besser zu verstehen, wie sie funktionieren. Ist für Hangrutschungen etwa ein Erdbeben oder doch Niederschlag verantwortlich? Die wissenschaftlichen Arbeiten finden zuerst direkt vor Ort statt: "Wir untersuchen das Gebiet dabei auf mehreren Ebenen. Einerseits blicken wir mithilfe von Untergrundbohrungen und Einsichten in alte handschriftliche Chroniken in die Vergangenheit, um zu erfahren, ob es schon früher an den Stellen zu Hangrutschungen gekommen ist. Andererseits vermessen wir die Oberfläche mit Lasern, um das Gebiet flächenhaft zu scannen und auch kleinste Oberflächenveränderungen festzustellen."
Anhand der Messdaten werden Modelle, sprich Abstraktionen erarbeitet, um wiederum Szenarien zu entwerfen, was in Zukunft passieren könnte. "Die Betonung liegt auf 'könnte', denn die Arbeit mit der Natur birgt immer große Unsicherheiten."
In Neuseeland etwa, wo Thomas Glade drei Jahre lang forschte und auch promovierte, konnte er feststellen, dass erst die Ankunft der Europäer im 19. Jahrhundert zu Veränderungen in der Umwelt führte: Massive Abholzungen für Weidegründe der Schafe hatten Bodenerosionen und flächenhaftes Auftreten von Hangrutschungen zur Folge.
Was ist natürlich?
Im Rahmen seiner Arbeiten zu Naturgefahren und Naturrisiken ist dem Geographen die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen Fachdisziplinen und den Akteuren, also Betroffenen, aber auch mit der Gemeinde, dem Staat oder Versicherungen besonders wichtig: "Sie alle spielen eine Rolle, wenn Naturereignisse auftreten." Auch hier in Wien möchte sich der Wissenschafter vernetzen, innerhalb des Instituts, der Fakultät, mit anderen Universitäten, aber auch mit Behörden: "Mein Hauptjob ist natürlich Forschung und Lehre, aber mir ist auch die gesellschaftliche Relevanz sehr wichtig." Deshalb ist es Glade ein Anliegen, die Naturrisikoforschung in Wien noch zu intensivieren und auch die Wechselwirkungen von Mensch und Natur weiter zu erforschen: Inwieweit greift der Mensch in das geomorphologische Prozess-System ein? Wie stark beeinflusst das Geosystem den Menschen?
"Wir haben einen globalen Wandel. Der ist aber zum Teil ganz natürlich, es hat zum Beispiel schon immer Erderwärmungen oder Kälteperioden gegeben. Gleichzeitig agiert der Mensch und greift dadurch auch massiv in das natürliche System ein. Mich interessiert, wie stark er das macht und wie die Wechselwirkungen sind", so der Geograph. Wann sind also Murenabgänge oder Steinschläge natürlich und wann sind Menschen dafür verantwortlich, etwa durch Rodungen? Die Ergebnisse und Modelle einzelner Naturereignisse fügt Glade dann in einen größeren, globalen Zusammenhang: "Es ist spannend und sehr aufschlussreich, Naturphänomene in eine historische Abfolge zu stellen und sie dann mit gesellschaftlichen Faktoren, wie etwa Bevölkerungsentwicklung, Besiedelung oder Luftverschmutzung, in Verbindung zu setzen. Kurz gesagt: Lokale Untersuchungen in einen globalen Kontext stellen."
Raus ins Gelände
Thomas Glade ist Praktiker und Naturliebhaber. Für seine Forschungsschwerpunkte ist die Geländearbeit unerlässlich: "Das will ich auch den Studierenden vermitteln. In der Physischen Geographie ist es besonders wichtig, Zusammenhänge zwischen Daten von Naturereignissen vor Ort und der Auswertung im Labor herzustellen. Deswegen bin ich mit den Studierenden viel im Gelände unterwegs. Neben der Datenerhebung vor Ort sollen sie die Verwertung dieser erlernen, um letztendlich auch Aussagen über mögliche Szenarien treffen zu können." Dabei sei es wichtig, Labor und Realität zu unterscheiden, meint Glade: "Jedes Modell - ob von einer möglichen Hangrutschung oder einer Lawine - ist eine Abstraktion von der Wirklichkeit. Daher ist die Interpretation der Modellergebnisse für 'reale' Szenarien in der Natur sehr brisant." (td)
Die Antrittsvorlesung von Univ.-Prof. Dipl.-Geogr. Dr. Thomas Glade mit dem Titel "Raum-Zeit-Analysen in der Geomorphologie - ein Beitrag zur Risikoforschung" findet am Montag, 15. Jänner 2007, um 17 Uhr im Kleinen Festsaal der Universität Wien statt. |