Oliver Rathkolb, seit 1. März 2008 Professor für Zeitgeschichte, hält am 13. Jänner 2009 seine Antrittsvorlesung über "Demokratie und Diktatur", zentrale Schlüsselbegriffe des 20. Jahrhunderts. Der 53-Jährige prägt durch seine kritischen Reflexionen, die er in die öffentlichen Diskussionen einbringt, seit Jahren die Geschichtswissenschaft und die Politik der Zweiten Republik. Er war einer der ersten, der den NS-Kunstraub und die Nachkriegstraumatisierung der Opfer des Holocaust bis in die zweite Generation in der Restitutionsdebatte thematisierte. |
Zeile für Zeile, Thema für Thema – unermüdlich und penibel beschrieb Univ.-Prof. Mag. DDr. Oliver Rathkolb in den letzten 25 Jahren viele Facetten österreichischer Geschichte, eingebettet in und verglichen mit dem internationalen Geschehen. "Die paradoxe Republik. Österreich 1945-2005" heißt eines seiner Hauptwerke. Ein anderes widmet sich der Internationalisierung Österreichs seit 1945 oder dem Einfluss der US-Großmachtpolitik auf das Österreich der Nachkriegsjahre. In Gedenkjahren ist er stets bemüht, die notwendige Aufgabe zu übernehmen, den Finger auf jene Stellen und Daten zu legen, die andere gerne vergessen möchten.
Als Oliver Rathkolb 1978 seinen Doktortitel in Rechtswissenschaften erhielt, hatte ihn sein Herz bereits in eine andere Richtung gezogen: 1982 folgte der Doktor im Fach Zeitgeschichte. Zur Zeitgeschichte gebracht und seit seiner Dissertation beschäftigt hat ihn die internationale Einbindung von Geschichte, beispielsweise geopolitische Nachkriegsplanungen während des Zweiten Weltkrieges.
Folgen nationalsozialistischer Politik in Familienschicksalen
Seit den 1990er Jahren beschäftigt sich Oliver Rathkolb intensiver mit Phänomenen nationalsozialistischer Politik und den Nachkriegsfolgen. Seine Auseinandersetzung mit Kulturgeschichte, insbesondere mit Elitenverhalten von KünstlerInnen im Musik- und Sprechtheater im Nationalsozialismus, führte ihn zum Thema Kunstraub, das er als einer der ersten in Österreich thematisierte. Heute ist die Provenienzforschung ein eigenes Forschungsfeld.
Eine seiner Fallstudien war die Geschichte der Postsparkasse im Auftrag von Max Kothbauer, dem damaligen Generaldirektor der PSK und derzeit Vorsitzender des Universitätsrates der Universität Wien. Seine Arbeit zu den gestohlenen Konten ermöglichte ihm, die Breite der Kollaboration im Nationalsozialismus, die persönliche Bereicherung, sowie die Traumatisierung der Opfer bis hin zur dritten Generation auch im Internet zu thematisieren. Rathkolbs Forschung ist generell von einer breiten Korrespondenz mit Überlebenden geprägt und setzt sich mit dem Schicksal einzelner Familien auseinander.
Zeitgeschichte mit Wurzeln im 19. Jahrhundert
Genauso wie für die Auseinanderzusetzung mit der Zeit nach 1945 plädiert er dafür, sich in der Zeitgeschichte verstärkt anzusehen, wie sich die Geschehnisse des 20. Jahrhunderts aus dem 19. Jahrhundert heraus entwickelt haben. "Wer zum Beispiel die Folgen von Migration für die politische Kultur Europas im 20. Jahrhundert erforschen möchte, muss zumindest bis ins 19. Jahrhundert zurückgehen", meint Oliver Rathkolb. Auch wenn man die Weltwirtschaftskrise und die Globalisierung nicht eins zu eins mit der ersten Internationalisierung im 19. Jahrhundert vergleichen könne, gebe es aufregende Parallelen, die einen Vergleich zwischen den Zeitperioden wichtig mache. Ein entsprechender Paradigmenwechsel zur Rückschreibung der Zeitgeschichte wäre laut Rathkolb angebracht.
Über drei Generationen und Kriege hinweg
Zum Beispiel sind in Österreich viele Vorurteilsstrukturen wahrnehmbar - etwa eine enorme Sympathie gegenüber Ungarn und eine eher skeptische Einstellung im öffentlichen Diskurs gegenüber Tschechien -, die nicht anders erklärbar sind, als dass hier Emotionen durch Erzählungen weitergetragen wurden, und zwar über drei, vier Generationen, zwei Weltkriege und den Kalten Krieg hinweg. "Die aktuelle Migrationsdiskussion ist auch ein Beispiel dafür, dass die Geschichte des 19. Jahrhunderts - also die Versuche, einen scheinbar ethnisch-homogenen Nationalstaat zu konstruieren - auch im 21. Jahrhundert unsere politischen Handlungsweisen prägt", erklärt Rathkolb.
Vergleichende Demokratie- und Diktaturforschung
Oliver Rathkolb fokussiert auch auf vergleichende Perspektiven in der Zeitgeschichte. Im Jahr 2005 begründete er das Ludwig-Boltzmann-Institut für Vergleichende Europäische Geschichte mit und baute eine vergleichende europäische Geschichtsforschung auf. Die Geschichte Europas hat gemeinsam, dass sie meist von autoritären Rahmenbedingungen in den Monarchien ausging. Im Rahmen seiner Tätigkeit am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien möchte der Historiker eine vergleichende Demokratie- und Diktaturforschung vorantreiben.
Patchwork-Karriere
Obwohl mit dem Geburtsjahr 1955 noch in einer anderen Generation, sah sich Oliver Rathkolb Zeit seines Lebens mit jenen Verhältnissen konfrontiert, die das Leben von JungwissenschafterInnen heute prägen. Erst im Jahr 2008 erhielt er mit der Professur für Zeitgeschichte an der Universität Wien eine Stelle, die - wie er sagt - seine vielen Identitäten vereint. Denn seine Karriere war bis dahin von einem "Patchwork" an Stellen geprägt. Nie war er nur an einer Stelle: Fast zwanzig Jahre war er gleichzeitig wissenschaftlicher Angestellter des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Geschichte und Gesellschaft von Univ.-Prof. Erika Weinzierl und wissenschaftlicher Leiter der Stiftung Bruno-Kreisky-Archiv, außerdem war er Wissenschaftskoordinator des Bruno-Kreisky-Forums für Internationalen Dialog. Eine Forschungs- bzw. eine Gastprofessur führten Rathkolb an die US-Universitäten Harvard und Chicago.
"Da ich nie ein unbefristetes Arbeitsverhältnis oder eine Laufbahnperspektive hatte, war ich gezwungen, mir alles - wie beispielsweise lehren zu dürfen - zu erkämpfen", sagt Oliver Rathkolb. Vielleicht erklärt das seine hohe Produktivität, versucht er Resümee zu ziehen.
"Lehren zu dürfen"
Erst nachdem er sich 1993 extern habilitiert hatte, konnte Prof. Rathkolb unterrichten. Das tut er seitdem mit Begeisterung: "Die Interaktion mit den Studierenden ist für mich sehr spannend, weil daraus neue Projekte mit innovativen Fragestellungen entstehen." In der Prüfungsliteratur wird man seine eigenen Bücher nicht finden, denn er will nicht unbedingt hören, was er vertritt, sondern mit den Studierenden in Dialog treten. Dabei ist er durchaus bereit, jenen Widerspruch entgegenzunehmen, den er in der Geschichte immer aufzuzeigen versucht. (hh)
Die Antrittsvorlesung von Oliver Rathkolb zu "Demokratie und Diktatur - Zeitgeschichtliche Reflexionen über zentrale Schlüsselbegriffe des 20. Jahrhunderts" findet am Dienstag, 13. Jänner 2009 um 16.30 Uhr in der Aula am Campus der Universität Wien statt.
|