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Oliver Schmitt

Oliver Schmitt


Institut für Osteuropäische Geschichteder Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät Lebenskauf von Oliver Schmitt Einladung zur Antrittsvorlesung
Venezianische Horizonte der Geschichte Südosteuropas
Oliver Schmitt: Grenzgänger zwischen Disziplinen und Sprachen
Forschungsprojekte, Porträts Neo-Professuren
Michaela Hafner (Redaktion) am  5. Oktober 2005

Frühneuzeitliche Transformationsprozesse, "Nationalismus von unten" und das venezianische Südosteuropa sind Schwerpunkte von Oliver Schmitt, der seit März 2005 Professor für Osteuropäische Geschichte an der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät ist.

Ein Politthriller war Ausgangspunkt für seine Habilitationsschrift, die 2003 an der Universität Regensburg angenommen wurde. Der Roman "Der Levantiner" von Eric Ambler ließ Univ.-Prof. Dr. Oliver Jens Schmitt fragen: "Wie kann man die Gruppe der Levantiner - europäischstämmige Katholiken, die über Jahrhunderte im Osmanischen Reich lebten und über die es kaum Forschungen gibt - wissenschaftlich 'packen'?" Quer durch Europa, von Istanbul ins französische Nantes, begab sich der 32-jährige Basler auf "Abenteuersuche".

Levantiner: "low profile"


Und wurde fündig. Das Faszinierende an dieser relativ kleinen Gruppe (im 19. Jahrhundert lebten rund 40.000 Levantiner in Istanbul, 20.000 in Izmir), die sich über ihre katholische Konfession und nicht durch nationale oder ethnische Wurzeln definierte, ist für Schmitt ihr Changieren zwischen der osmanischen Welt, in der sie lebten, und ihrer Selbsteinschätzung als "Westler" aufgrund ihrer europäischen Herkunft. Über Jahrhunderte entwickelten sie ein unauffälliges "low profile": Trotz sehr enger Familiennetzwerke definierten sie sich nicht als Gruppe - und wurden als solche auch nicht wahrgenommen.

Kaum greifbare Gruppe


Besonders interessierte Oliver Schmitt die Frage der Identität: "In der Regel waren die Levantiner keine Untertanen des Osmanischen Reiches, sondern 'Ausländer', die die Staatsangehörigkeit des Herkunftslandes ihrer Vorfahren besaßen." Doch was passierte im Laufe des 19. Jahrhunderts, als sich die Nationalstaaten herausbildeten und 'Identität' immer weniger konfessionell definiert wurde, mit einer Gruppe, die sich auf keinen Gründungsmythos, keine gemeinsame Sprache berufen konnte? "Der Druck, sich zu einer Nation zu bekennen, zerrieb die Gruppe schließlich", erzählt Schmitt.
Bis heute ist es so, dass sich kaum Levantiner zu ihrer Gruppe bekennen, ein Beispiel ist der ehemalige französische Premierminister Édouard Balladur: "Die gesellschaftliche Elite der Levantiner war schon im 19. Jahrhundert häufig in der Diplomatie, als Übersetzer, Vermittler für ausländische Investoren oder im Bankwesen tätig - typisch für ihre Sprachkenntnisse und ihre Stellung zwischen zwei Welten."

Byzantinist und Historiker

Wie die Levantiner changiert auch Schmitt - zwischen Disziplinen, europäischen Städten und Sprachen: Schon in der Gymnasialzeit war eines seiner Hobbys die Byzantinistik; das Studium der Klassischen Philologie und Byzantinistik führte ihn von Basel für drei Jahre an die Universität Wien, wo er 1997 sein Magisterstudium beendete. Mit der Doktorarbeit in München über die albanische Geschichte des Spätmittelalters "rutschte" Oliver Schmitt in die Geschichtsforschung. Nach einem einjährigen Aufenthalt in Rom lehrte er von 2001 bis 2004 an der Universität München, ehe er nach einer Förderungsprofessur an der Universität Bern der Berufung nach Wien folgte. Neben den wichtigsten westeuropäischen Sprachen nennt er Neugriechisch, Albanisch, Rumänisch, Serbokroatisch und Russisch als Arbeitssprachen.

Forschungen: Nationalismus und maritimer Raum


Die Forschungen zu den Levantinern sind vorerst durch eine 2005 erschienene Publikation abgeschlossen. Nicht aber daraus resultierende Fragestellungen: "Im Rahmen der Nationalismusforschung interessiert mich, wie Menschen reagiert haben, als die ethnische Zugehörigkeit und nicht mehr die konfessionelle oder regionale zum primären Identitätsmerkmal wurde." Gemeinsam mit KollegInnen in München, Bern und Italien bereitet er dazu ein Projekt zum Thema "Nationalismus von unten" vor. In Kooperation mit KollegInnen von den Universitäten Bern, Genf und Sorbonne arbeitet er außerdem an einem Forschungsnetzwerk zum Thema "Hybridität und Homogenisierung im östlichen Mittelmeer vom 17. bis 19. Jahrhundert": "Gerade in der Nähe zu einem Meer lebten sehr mobile Menschen wie Matrosen mit einer eigenen (Seemanns-)Sprache - wie gingen diese mit dem zunehmenden Homogenisierungsdruck um?"
Der venezianische Kulturraum in Südosteuropa bildet einen weiteren Forschungsschwerpunkt, der in engem Kontakt mit kroatischen, griechischen und albanischen HistorikerInnen betrieben wird. Im Mittelpunkt steht Dalmatien - hierbei wird die neue Zusammenarbeit mit der Universität Zadar intensiviert.

Albanien-Bibliothek nun an der Universität Wien


Als Dauerleihgabe des Albanien-Instituts in München konnte Schmitt das "Lebenswerk" seines Doktorvaters Peter Bartl, eine umfassende Bibliothek zum albanischen Westbalkan, an die Universität Wien transferieren. 2000 Monographien, die wichtigsten albanischen Zeitschriften und seltene Druckschriften befinden sich nun am 1907 gegründeten Institut für Osteuropäische Geschichte - "damit wird die wichtige Tradition der deutschsprachigen Albanienforschung seit der Monarchie fortgeführt". Oliver Schmitt hofft, mit dieser Forschungsbibliothek Kontakte zu albanischen WissenschafterInnen zu intensivieren. Er selbst arbeitet derzeit an einer Biographie des albanischen Nationalhelden Skanderbeg.

Lehre: Überregional und experimentell


Als Professor für Osteuropäische Geschichte hält Prof. Schmitt Überblicksvorlesungen zu den historischen Grundlagen Südosteuropas. Anstatt über die Geschichte eines bestimmten Landes zu referieren, wählt er einen übergeordneten räumlichen Zugang, zum Beispiel die Region um das Schwarze Meer. Seinem Forschungsseminar im Wintersemester liegt ein aktuelles Projekt zugrunde, das er von der Universität Bern mitgebracht hat: "Transformationen im Donauraum 1686–1699" beschäftigt sich mit dem Systemwechsel von der Osmanischen zur Habsburgischen Herrschaft im Donaubecken. Mit den Studierenden liest er noch nicht bearbeitete Quellen - "ein Experiment", gibt er zu, doch sei ihm wichtig, dass die Studierenden Neuland betreten und nicht alles in einem Handbuch nachlesen können.

Während Schmitt eher das Mittelalter und die Frühe Neuzeit abdeckt, setzen sich seine beiden Assistentinnen mit dem Zusammenleben von Serben und Albanern im Kosovo im 19. und 20. Jahrhundert bzw. aus zeitgeschichtlicher Perspektive mit dem Bosnienkrieg auseinander. Schmitt will diese Region, die sehr im Licht der Öffentlichkeit steht, daher auch nicht auf eine Konfliktregion reduziert sehen, sondern "mit einem ganzheitlichen Zugang und unter Bezugnahme auf einen größeren Zeitraum zeigen, dass es eine kulturelle Vielfalt gibt, dass es der Region auch einmal 'besser' ging". (mh)


Die Antrittsvorlesung von Univ.-Prof. Oliver Schmitt mit dem Titel "Venezianische Horizonte der Geschichte Südosteuropas" findet am Dienstag, den 11. Oktober 2005 um 17 Uhr im Kleinen Festsaal der Universität Wien statt.


Buchtipps:

Oliver Schmitt: Levantiner. Lebenswelten und Identitäten einer ethnokonfessionellen Gruppe im osmanischen Reich im 'langen 19. Jahrhundert'. (Habil.-Schr.) München: Oldenbourg 2005 [515 S., rund 65 Euro; ISBN: 3486577131]

Eric Ambler: Der Levantiner. Roman. Zürich: Diogenes [ISBN: 3257202237; Original 1972] 

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