Pflegeethik - ein neues Fachgebiet der Gesundheitsethik |
| Wissenschaft |
| Gastbeitrag von Ulrich Körtner am 23. Januar 2004 |
Während es inzwischen eine Reihe von Lehrbüchern der Medizinethik gibt, ist die Zahl der Lehrbücher der Pflegeethik im deutschsprachigen Raum noch gering. Hier besteht jedenfalls - auch innerhalb der noch jungen Disziplin der Pflegewissenschaften - auf dem Gebiet der Pflegeethik ein gewisser Nachholbedarf. Ein neues Studienbuch bietet eine Einführung in die theoretischen Grundlagen der Pflegeethik und die Methoden der ethischen Urteilsbildung. |
Angewandte Ethik Begriff und Gegenstand einer Pflegeethik gehören in das Gebiet der Angewandten Ethik, die in den letzten Jahren einen starken Aufschwung genommen hat. Fragen der Lebensführung und des ethisch verantwortlichen Handelns sind in der modernen, funktional ausdifferenzierten Gesellschaft derart komplex geworden, dass in den zurückliegenden Jahrzehnten eine ganze Reihe verschiedener Bereichsethiken entstanden ist. Beispielhaft seien Wirtschaftsethik, Umweltethik, Wissenschaftsethik, Technikethik, Rechtsethik, politische Ethik, Medienethik oder Medizinethik aufgeführt. Es entspricht dieser allgemeinen Entwicklung, wenn auch für die Pflege eine eigene Form der Bereichsethik entwickelt wird. Ethik des Gesundheitswesens Pflegeethik ist ein Teil der allgemeinen Ethik des Gesundheitswesens oder abgekürzt der Gesundheitsethik. Die Ethik des Gesundheitswesens umfasst die ethischen Fragestellungen nicht nur des ärztlichen Handelns, sondern aller Gesundheitsberufe, geschieht doch das medizinische Handeln heute in enger Kooperation unterschiedlicher Berufe. Pflegeethik und Medizinethik Gelegentlich wird gefragt, ob neben der Medizinethik oder innerhalb der Pflegewissenschaften eine eigene Bereichsethik für die Pflege notwendig und begründbar ist. Zwar muss man sagen, dass sich pflegeethische und medizinethische Fragen überschneiden, z.T. sogar weitgehend. Jedoch haben Pflegende und ÄrztInnen unterschiedliche Kompetenzen, die auch rechtlich voneinander abgegrenzt sind. Zu den grundlegenden Voraussetzungen jeder Berufsethik gehört es, die gesetzlichen Kompetenzen nicht zu überschreiten. Beispiele für ethische Probleme in der Pflege * Umgang mit "schwierigen" PatientInnen Ein integrativer Ansatz Wenn für eine eingeständige Pflegeethik argumentiert wird, soll damit kein Säulenmodell etabliert werden, welches Medizinethik und Pflegeethik sowie die Ethik anderer Gesundheits- und helfender Berufe additiv (unter dem Dach einer Gesundheitsethik) nebeneinander stellt, sondern ein integratives Konzept, das von der wechselseitigen Beeinflussung und Kooperation der verschiedenen Berufe ausgeht, wie es der Arbeit im interprofessionellen Team entspricht (oder doch entsprechen sollte). Stufen zur Ethikkonpetenz "From Novice to Expert" von Patricia Benner heißt eines der wichtigsten Werke zum philosophischen und pflegewissenschaftlichen Verständnis der zeitgenössischen Gesundheits- und Krankenpflege. Im Anschluss an das Modell der Brüder H. L. und S. E. Dreyfus entwickelt Benner ein Stufenmodell des Kompetenzerwerbs in der Krankenpflege. Notwendig: ein interprofessionelles Gesamtkonzept Wenn Ethik in der Pflege und in der Medizin aber nicht ein Fremdkörper bleiben soll, müssen Initiativen zur Verbesserung der pflege- und medizinethischen Ausbildung gesetzt werden. Wünschenswert ist ein Gesamtkonzept, das zwischen Grundstufe und Aufbaustufen unterscheidet und neben regelmäßigen Fortbildungen in Form von Rounds Ausbildungsmodule enthält. Für die Aus-, Fort- und Weiterbildung heißt dies, dass interprofessionelle Bildungsangebote zu entwickeln sind, an denen ÄrztInnen und Pflegende gemeinsam teilnehmen. Auch im Rahmen pflegewissenschaftlicher Studiengänge darf die Ethikausbildung nicht auf eine separierte Pflegeethik beschränkt werden, sondern muss Fragen der Medizinethik mitberücksichtigen. Umgekehrt sind im Rahmen medizinethischer Studienangebote auch die besonderen Fragestellungen, die sich aus Sicht der Pflege ergeben, eigens zu thematisieren. Univ.-Prof. Dr. Ulrich Körtner ist Vorstand des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin sowie des Instituts für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät. Ab dem Sommersemester 2004 unterrichtet Körtner das Fach Pflegeethik im Rahmen des Individuellen Diplomstudiums Pflegewissenschaft. Buchtipp: Ulrich H. J. Körtner, Grundkurs Pflegeethik (UTB 2514), Wien: Facultas 2004, 268 S., ¤ 23,50 |
