|
Roland Girtler: Ein Original feiert seinen 65. Geburtstag |
| Jubiläen |
| Redaktion am 31. Mai 2006 |
Der Theoretiker der Gauner, Vagabunden, Landler, Dirnen, Bauern, Landärzte und anderer bunter Vögel, Roland Girtler vom Institut für Soziologie, wird heute, am 31. Mai 2006, 65 Jahre alt. Anlässlich seines Geburtstags wurde die Festschrift "Die Wahrheit liegt im Feld" herausgegeben, die heute Abend im Rahmen einer Wiener Vorlesung präsentiert wird. |
"Die große und vornehme Aufgabe des Soziologen und der Soziologin, wie ich meine, ist es, durch entsprechende gute Studien, zu denen die Beschreibungen des Alltags von Menschen in ihren Gruppen mit all ihren sozialen Kontakten, ihren Problemen, ihren Strategien des Überlebens, ihren Symbolen und Ritualen gehören, dazu beizutragen, dass Menschen sich gegenseitig akzeptieren und achten."
So Ao. Univ.-Prof. Dr. Roland Girtler einleitend zu seinen "10 Geboten der Feldforschung", eine alles andere als trockene Anleitung zum wissenschaftlichen Arbeiten. FeldforscherInnen sollten demnach nicht nur unvoreingenommen an "die Menschen, bei denen du forschst" (nicht Forschungsobjekte), herangehen, sondern der Soziologe ermahnt auch zur Höflichkeit: "Du sollst niemals abfällig über deine Gastgeber und jene Leute reden und berichten, mit denen du Bier, Wein, Tee oder sonst etwas getrunken hast." Und gibt pragmatische Tipps zur körperlichen Kondition: "Du musst eine gute Konstitution haben, um dich am Acker, in stickigen Kneipen, in der Kirche, in noblen Gasthäusern, im Wald, im Stall, auf staubigen Straßen und auch sonst wo wohl zu fühlen." Aus diesen Sätzen spricht nicht nur Roland Girtler in seiner ganzen Originalität, sondern auch eine große Portion Erfahrung. Der Sozialwissenschafter, der heute seinen 65. Geburtstag feiert, ist eine Koryphäe in der Randgruppenforschung.
Randgruppen ins Zentrum gerückt
Seine wissenschaftliche Laufbahn hindurch widmet sich Girtler den bunten Vögeln am Rand der Gesellschaft, wobei er das mit dem Rand nicht so genau sieht: "Damit erfasst man ohnehin die ganze Gesellschaft, denn irgendwie ist jeder Mensch Angehöriger einer Randgruppe." Seine Publikationen beschäftigen sich sowohl mit der Karriere von Kleinkriminellen als auch mit bäuerlichen Kulturen oder den Landlern, einer Gruppe von aus Österreich stammenden ProtestantInnen, die im 18. Jahrhundert nach Siebenbürgen vertrieben wurden. Daraus entwickelte er etwa eine Theorie der Unanständigkeit, Strategien der Niedertracht und veröffentlichte ein Buch zu "Rotwelsch ? Die alte Sprache der Gauner, Dirnen und Vagabunden".
Direkt bei den Menschen dabei
Die Leidenschaft für das Fach wurde bei Girtler in einer alltäglichen Situation entfacht: Bei einem Krankenhausaufenthalt hatte der junge Jus-Student ausgerechnet einen Zuhälter als Bettnachbarn. Die unfreiwillige Berührung mit dem fremden Lebensbereich, die andere vielleicht als weniger angenehm empfunden hätten, faszinierte Girtler derart, dass er prompt das Jus-Studium an den Nagel hängte und schließlich bei der Soziologie landete. Dieser blieb er ebenso treu wie der Feldforschung. Dementsprechend lautet der Titel der Festschrift, die angesichts seines 65. Geburtstags herausgegeben und präsentiert wird, "Die Wahrheit liegt im Feld".
Ungewöhnliche Lebenserfahrungen
Oberflächlich liest sich Roland Girtlers Biographie vielleicht wie eine typische wissenschaftliche Karriere: |

