Das Institut für Ostasienwissenschaft setzte sich bisher aus drei landesbezogenen Teilbereichen zusammen: Japanologie, Koreanologie und Sinologie. Hinzugekommen ist nun im August 2007 V.-Univ.-Prof. Mag. Dr. Rüdiger Frank mit der Professur für Wirtschaft und Gesellschaft Ostasiens. "Diese Professur wurde geschaffen, um methodische Fähigkeiten mit regionalwissenschaftlichem Wissen zu kombinieren und das umfassende länderspezifische Wissen am Institut synergetisch zu verbinden", sagt Rüdiger Frank.
"Wir haben in den Ostasienwissenschaften einen Spezialisierungsgrad erreicht, der Kooperation unabdingbar macht, und solide Methodenkenntnisse sind dafür die gemeinsame Grundlage. Die Universität Wien gehört zu den ersten Universitäten in Europa, die diesen Trend nicht nur erkannt hat, sondern auch entsprechend reagiert", so Frank. Mit seinen Studien in Koreanistik, Volkswirtschaftslehre und Internationale Beziehungen war er dafür der richtige Mann und Wien für ihn der richtige Ort.
Einen gleichzeitigen Ruf an die Universität Leiden als Lecturer für "International Relations in Northeast Asia" schlug Rüdiger Frank aus. Damit entschied sich der Ostasienwissenschafter und Ökonom, der an der School of International and Public Affairs an der Columbia University New York zahlreiche internationale Kontakte gesammelt hat und seit 2006 Adjunct Professor an der Korea University Seoul ist, für die Universität Wien, wo er schon seit längerem als Gastprofessor tätig war.
Im Fokus: Die Koreas
Prof. Frank kennt den Sozialismus aus eigener Anschauung in der DDR und der Sowjetunion, und das prägt seine Forschungstätigkeit. "Mein zentrales Forschungsgebiet ist schon immer das Verhältnis von Staat und Wirtschaft gewesen, etwa im Falle der Regulierung des südkoreanischen Telekommunikationsmarktes. Zurzeit haben es mir vor allem die Transformationsprozesse in staatssozialistischen Systemen angetan", sagt Rüdiger Frank.
Sein Fokus liegt dabei auf Nordkorea, wo er auch schon mehrfach war, zuletzt im Juni 2007. Das erste Mal für ein Semester im Jahr 1991, als Austauschstudent an der Kim Il-sung Universität in Pyongyang. "Bei meinem ersten Aufenthalt 1991 habe ich einen relativ guten Snapshot von Nordkorea bekommen, weswegen ich im Laufe der Folgejahre einen gewissen Blick dafür hatte, wie sich das System veränderte", sagt Rüdiger Frank, der von südkoreanischen Medien regelmäßig um Interviews gebeten wird.
Ein Teil seiner Forschungstätigkeit besteht heute darin, nordkoreanische Massenmedien zu analysieren. Obwohl oder gerade weil deren gleichgeschalteter Inhalt zu 95 Prozent Propaganda enthält, eignen sie sich gut für Franks wissenschaftliche Arbeit: "Wenn in den Medien Veränderungen auftreten, ist offensichtlich von der Zentrale eine Anweisung gekommen und 'mein Job' besteht darin zu interpretieren, was das für Hintergründe und Implikationen hat."
Region Ostasien - Blick über die Grenzen
Dabei ruht sein Blick nicht nur auf Nordkorea. "Man kann die Länder innerhalb der Region Ostasien nur gewinnbringend betrachten, wenn man versucht zu erfassen, welche Einflüsse untereinander bestehen", betont Frank. "Eine interessante Forschungsfrage ist zum Beispiel, inwieweit China für Nordkorea ein Modell ist, so wie Japan ein Entwicklungsmodell für Südkorea war."
Ideologie als Grundlage des Systems
Im Gegensatz zu Osteuropa verändern sich die Wirtschaft und das politische System in China und in Vietnam graduell und bislang halbwegs kontrolliert. Die Machthaber möchten Probleme lösen, ohne das System und damit ihre Machtgrundlage zu ruinieren. Wie das geht, damit beschäftigt sich Prof. Frank in seiner Forschung. Er weiß, dass ein ganz wesentliches Element die Ideologie ist: "Eine Ideologie, die sich nach wie vor sozialistisch nennt, muss so modifiziert werden, dass sie letztendlich auch mit veränderten Realitäten Schritt halten kann, ohne damit in Widerspruch zu den eigenen Thesen zu geraten." Gelingt das nicht, fordern die BürgerInnen den Staat heraus, so wie das in Osteuropa geschehen ist.
In Nordkorea ist es mit der seit den 1960ern verstärkt propagierten "Chuch'e-Idee" gelungen, die starr-orthodoxe marxistisch-leninistische Ideologie zu dynamisieren, so dass zumindest theoretisch kein Konflikt mit notwendigen Veränderungen entsteht, so Frank. Dabei handelt es sich um eine Art nationalistischen Sozialismus, in dem der Führer und seine Interpretation der Realität ganz zentral sind.
Als Beispiel dafür, wie flexibel mit dem "Sozialismus" umgegangen wird, nennt Prof. Frank ein Zitat von Kim Il-sung, in dem dieser Märkte nicht als Kennzeichen des Kapitalismus, sondern als Merkmal der menschlichen Gesellschaft bezeichnet. "Am Ende wird auch in Nordkorea die Transformation zu einer Art von demokratischer und marktwirtschaftlicher Ordnung stehen, auch wenn die Führung dies keinesfalls beabsichtigt. Die Frage ist nur, wann und vor allem wie das geschieht - und welche Konsequenzen dieser Prozess für die Bevölkerung und die Nachbarländer haben wird."
Kein fader Kaffee
Neben einer Menge Wissen und einem spannenden Forschungsbereich bringt Rüdiger Frank außerdem die Fähigkeit mit, Inhalt unterhaltend und anregend zu vermitteln. Im Lehrbetrieb hat er zwei spezielle Zusatzaufgaben inne: Er ist amtierender Sprecher des neuen Initiativkollegs "Vienna School of Governance" und er bereitet das Masterstudium "Wirtschaft und Gesellschaft Ostasiens" vor.
Seinen Studierenden sagt er: "Sie müssen zum Cappuccino werden, denn auf die Kombination kommt es an. Standardisierte Elementarkenntnisse aus Ökonomie, Politik, Ingenieurwesen etc. sollte man durch spezielle Fertigkeiten - wie Sprachen oder Regionalwissen - ergänzen, um weder nur ein weiterer langweiliger Pott Kaffee noch eine Tasse voll schönem, aber in der Praxis oft wenig nützlichem Milchschaum zu sein." (hh)
Die Antrittsvorlesung von V.-Univ.-Prof. Mag. Dr. Rüdiger Frank mit dem Titel "Transformation staatssozialistischer Systeme in Ostasien: Wird Nordkorea zu einem zweiten China?" findet am Mittwoch, 12. Dezember 2007, um 17 Uhr im Kleinen Festsaal der Universität Wien (Hauptgebäude) statt. |