Vor 85 Jahren wurde das Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Wien gegründet. Zwei langjährige, mittlerweile emeritierte Professoren feiern heuer "runde" Geburtstage: Herbert Knittler wurde 65, Michael Mitterauer wird 70 - genügend Anlässe, dies mit einer Tagung zu würdigen. Am 8. und 9. Juni 2007 diskutieren SozialhistorikerInnen "Wirtschaftliche Stadt-Land-Beziehungen in Europa im Spätmittelalter und am Beginn der Neuzeit". |
1922 wurde das Fach "Wirtschafts- und Sozialgeschichte" mit der Gründung eines "Seminars für Wirtschafts- und Kulturgeschichte" an der Universität Wien institutionalisiert. Das Fach entwickelte sich in kritischer Absetzung zur Politikgeschichte, die auf Ereignisse und Personen fokussierte und in "Epochen" dachte. Die Wirtschafts- und Sozialgeschichte hingegen griff wirtschaftliche, soziale und kulturelle Prozesse, die diese Epochen überspannten, auf und öffnete sich zunehmend gegenüber anderen Geistes- und Sozialwissenschaften. Mitte der 1970er Jahre begann die sukzessive Transformation in eine historische Sozialwissenschaft. Diese formuliert explizit gesellschaftlich relevanten Fragen, setzt sozial-, kultur- und wirtschaftswissenschaftliche Begriffe, Methoden und Techniken ein und versteht sich - in einem kritisch-aufklärenden, emanzipatorischen Selbstverständnis - als "Wissenschaft für die Gesellschaft".
Interdisziplinarität wichtig
Das Institut legt großen Wert auf die Kommunikation und den Austausch mit anderen Fächern wie etwa der Soziologie, Wirtschafts- und Politikwissenschaft, Ethnologie, Geographie oder Literaturwissenschaft - nicht nur in der Forschung, sondern auch in der Abhaltung von interdisziplinären Lehrveranstaltungen.
Derzeit betreiben die WissenschafterInnen des Instituts Lehre und Forschung in vier Gebieten: Wirtschaftsgeschichte, Sozialgeschichte, Kulturgeschichte und Geschichtsdidaktik. Forschungsschwerpunkte sind u.a. Agrargeschichte, Bevölkerungsgeschichte, Familienforschung, Migration und Konsumgeschichte, aber auch Geschichte der Sexualität oder des Alters. Ein Schwerpunkt der Lehre liegt auf der Grundausbildung in historisch-sozialwissenschaftlichen Methoden, etwa Computeranwendung in den Geschichtswissenschaften (Datenbanken, statistische Auswertungen), zu Interviewtechniken sowie zur Textanalyse. Vorlesungen zur Wissenschaftstheorie sowie Seminare zur fachdidaktischen Ausbildung für den Studienzweig Geschichte und Sozialkunde (Lehramt) bilden weitere Schwerpunkte.
Publikationen
Zu den wichtigsten Publikationen des Instituts für Wirtschafts- und Sozialgeschichte zählen seit den 1970er Jahren die "Beiträge zur historischen Sozialkunde" (eine Zeitschrift zur Lehrerfortbildung und Geschichtsdidaktik) sowie zwei Textbuchreihen ("Historische Sozialkunde" und "Querschnitte"). Weiters geben MitarbeiterInnen des Instituts die "Sozial- und wirtschaftshistorische Studien", die Reihe "Kultur als Praxis" sowie die Biographische Reihe "Damit es nicht verloren geht..." heraus. Letztere bezieht ihr Material - schriftliche Lebenserinnerungen - aus der "Dokumentation lebensgeschichtlicher Aufzeichnungen", die in den 1980er Jahren von Michael Mitterauer gegründet wurde und am Institut angesiedelt ist. Zudem wird gemeinsam mit MitarbeiterInnen des Instituts für Zeitgeschichte seit 1990 die "Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften" (ÖZG) vier Mal im Jahr herausgegeben.
Geburtstag: Knittler und Mitterauer
Derzeit sind am Institut acht Außerordentliche ProfessorInnen und (ab 1. September) vier Ordentliche Professoren tätig. Zwei langjährige Professoren des Instituts feiern heuer runde Geburtstage: Herbert Knittler wurde am 7. Mai 65 Jahre alt, Michael Mitterauer feiert am 12. Juni seinen 70. Geburtstag. Beide emeritierten 2003. Ihnen zu Ehren findet von 8. bis 9. Juni 2007 der internationale Workshop "Economic Town-Country Relations in Europe in the Late Middle Ages and at the Beginning of the Early Modern Period" statt. (mh)
Lebenslauf/Laudatio zu Herbert Knittler und Michael Mitterauer
"Economic Town-Country Relations in Europe in the Late Middle Ages and at the Beginning of the Early Modern Period" Freitag, 8. bis Samstag 9. Juni 2007 Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte Seminarraum 1 Hauptgebäude Universität Wien Dr.-Karl-Lueger-Ring 1, 1010 Wien Tagungsprogramm (PDF) |