Wie kann gemeinschaftliches Leben funktionieren? Wie können Menschen ein glückliches Leben führen? Welche Rolle kann dabei der religiöse Glaube spielen? Das sind wesentliche Grundfragen, mit denen sich das Fach Moraltheologie auseinandersetzt. Selbstverständlich gebe es viele Gemeinsamkeiten mit einer philosophischen Ethik, die sich ja mit ähnlichen Fragestellungen befasse, betont Univ.-Prof. Dr. Sigrid Müller von der Katholisch-Theologischen Fakultät. In der Moraltheologie allerdings wird die wissenschaftliche Reflexion über das Ethische um eine religiöse Ebene erweitert.
Irrationale Ecke
"Religion und Theologie werden oft in die irrationale Ecke geschoben, doch das ist falsch, denn ein religiöser Standpunkt ist nicht notwendigerweise weniger vernünftig als ein nichtreligiöser", so Sigrid Müller über landläufige Vorurteile gegenüber der Theologie. Ihr ist es dabei auch wichtig festzuhalten, dass nicht die Religion die Moral vorgibt, sondern die Religion quasi eine Hilfestellung leiste, das moralisch Gute zu erkennen: "Und wenn die Religion doch bestimmte Handlungsweisen vorgibt, muss sie diese auch vernünftig begründen können."
Christliche Literatur des Mittelalters
Den Zugang zur Moraltheologie fand Sigrid Müller, die neben Theologie auch Latein und Italienisch in Tübingen und Rom studierte, über Forschungsprojekte zur Interkulturellen Ethik und zur Humangenetik, aber auch über christliche Texte des Mittelalters. "Das Studium dieser alten Texte - großteils akademische Literatur, Vorlesungstexte etc. - ist ein faszinierendes Forschungsfeld, das mit viel Freude an detektivischer Arbeit verbunden ist. Viele der lateinischen Texte sind noch nicht übersetzt, da es nur wenige ForscherInnen gibt, die sich damit beschäftigen", so Sigrid Müller, die ihren Studierenden diese Faszination vermitteln möchte.
Die Grundfragen nach Sinn und Funktion eines für den Einzelnen und für die Gemeinschaft guten Lebens haben sich Gelehrte auch im Mittelalter gestellt. Nach dem Umgang mit diesen Fragestellungen und den daraus abgeleiteten Moralvorstellungen sucht Müller in historischen Texten: "Der historische Rückblick ist wichtig, damit die Jetztzeit nicht der einzige Referenzpunkt ist."
Archivrecherche in Wien
Diese Begeisterung führte die deutsche Theologin im Jahr 2000 auch nach Wien in die Handschriftensammlung der Nationalbibliothek. Im Rahmen einer Hertha-Firnberg-Forschungsstelle des FWF durchforstete sie die Bestände nach mittelalterlicher ethischer Literatur. In ihrem Projekt "Von der Theorie zur Praxis (1400–550): zur Vorgeschichte der ersten Lehrstühle für Gewissensfälle" stand die Geschichte der Moraltheologie - einer von Müllers Forschungsschwerpunkten - im Mittelpunkt. Die Ergebnisse gingen auch in ihre Habilitationsschrift "Theologie und Philosophie im Spätmittelalter. Die Anfänge der via moderna und ihre Bedeutung für die Entwicklung der Moraltheologie (1380–450)" ein, mit der sich Sigrid Müller 2006 an der Universität Tübingen habilitierte.
Gegenwart und Zukunft
Was sich viele WissenschafterInnen wünschen, ist für die Theologin Müller eingetreten: Im Jahr, nachdem sie die Habilitation abgeschlossen hatte und noch vor Auslaufen ihres Hertha-Firnberg-Projekts erhielt sie den Ruf an das Institut für Moraltheologie der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Hier möchte sie neben historischen Forschungen zur Moraltheologie konkret zu rezenten gesellschaftlichen Problemen Stellung beziehen. So baut Sigrid Müller die Bioethik als Schwerpunkt des Instituts aus: "Dabei ist mir Interdisziplinarität sehr wichtig, und ich möchte mit anderen Instituten und Fakultäten zu diesem Thema zusammenarbeiten."
Nicht nur die gesellschaftspolitisch relevanten bioethischen Fragen sind Sigrid Müller wichtig, sie möchte auch Krisen in der Lebensmitte mehr in die Moraltheologie integrieren: "Mir ist es ein Anliegen, das gesamte Leben in den Blick zu nehmen, nicht nur Anfang und Ende." Da die Moraltheologin Ende der 1990er Jahre in Sevilla auch eine Ausbildung zur Familienberaterin absolvierte, sind ihr Themen wie Lebenskrisen im Kontext von Familie und Partnerschaft und der angemessene Umgang mit dem Alter und seinen Begleiterscheinungen wichtig.
Praktische Lebensgestaltung
"Gerade diese praktische Richtung ist im Fach der Moraltheologie essenziell. Wir möchten konkrete Handlungsmöglichkeiten in bestimmten Lebensabschnitten aufzeigen. Bei all diesen Teilbereichen geht es immer auch um Sinnfragen. Der religiöse Kontext, aber auch die gesellschaftliche Realität wird immer auch mitreflektiert. Das ist eine große ethische Herausforderung und verlangt ein enges Zusammenarbeiten mit anderen wissenschaftlichen Disziplinen wie der Psychologie und der Soziologie oder der Medizin", betont Müller.
Ihren StudentInnen möchte die Theologin Einfühlungsvermögen für andere Lebensrealitäten vermitteln: "Sie sollen ein Gespür für die tragenden Dinge im Leben entwickeln und in Auseinandersetzung mit den relevanten wissenschaftlichen Theorien einen eigenen Standpunkt gewinnen. Und gleichzeitig mit den katholischen und weiteren ethischen Positionen und Argumentationsformen vertraut werden." (td)
Die Antrittsvorlesung von Univ.-Prof. Dr. Sigrid Müller mit dem Titel "Alter Wein in neuen Schläuchen? Moraltheologie im Jahr 2008" findet am 21. Mittwoch, Mai 2008 um 18 Uhr im Kleinen Festsaal der Universität Wien statt. |