Ob als öffentlich Vortragender zu geistigem Eigentum, als Leiter eines Workshops beim Gramsci-Symposium, das von Studierenden organisiert wurde, als Interviewpartner fürs Fernsehen oder als Organisator einer internationalen Konferenz zu "Zeiten und Räumen des Staates": Univ.-Prof. Dr. Ulrich Brand brachte von Anfang an viel Energie mit ans Institut für Politikwissenschaft. Viele Studierende sind von dem neuen Professor für Internationale Politik begeistert. Seine Forschungsthemen treffen den Nerv der Zeit: Sie reichen von Globalisierung und Global Governance über Internationale Umweltpolitik hin zu Nichtregierungsorganisationen und sozialen Bewegungen.
"Ich bin sehr gerne an der Universität Wien, weil meine jetzigen KollegInnen eines der interessantesten Institute für Politikwissenschaft im deutschsprachigen Raum aufgebaut haben und weil viele Studierende - wie es typisch für Hauptstädte ist - politisch sehr interessiert sind", sagt Ulrich Brand. Er habilitierte sich im Jahr 2006 an der Universität Kassel mit einer Arbeit zur Theorie des internationalisierten Staates und bringt internationale Erfahrung von seinem einjährigen Studium in Argentinien und seinen Forschungsaufenthalten in Mexiko und Kanada sowie von einer Gastprofessur an der Rutgers University, New Jersey, mit.
Globalisierung mehr als ein Schlagwort
Ursprünglich beschäftigte er sich mit dem politikwissenschaftlichen Fachgebiet "Internationale Politik", vor allem mit Außenpolitik. Doch die internationalen Beziehungen haben sich im vielzitierten Zeitalter der Globalisierung geändert. "Globalisierung begreife ich nicht nur als ökonomischen Prozess, sondern als grundlegenden politisch-ökonomisch-sozialen Transformationsprozess", erklärt Ulrich Brand. Er meint damit, dass sich gleichzeitig die politischen und die zivilgesellschaftlichen Verflechtungen verstärken, wenn auf der ökonomischen Ebene internationale Arbeitsteilung, grenzüberschreitende Investition und globaler Handel zunehmen. Der Politikwissenschafter analysiert, wie das alles zusammenspielt.
Internationale Umweltpolitik
Ulrich Brand ist bekannt für seine Forschungen zur Umweltpolitik. Dieses Thema macht deutlich, dass neue Probleme (Stichwort "Klimawandel") untrennbar mit inter- bzw. transnationalen Entwicklungen verbunden sind. Seine These ist, dass es eine Umweltkrise gibt, die sich in der Gesellschaft nicht nur äußert, sondern von dieser auch verursacht wird: durch Produktions- und Konsumprozesse und eine bestimmte Form der Naturbeherrschung. "Die Gesellschaft denkt durchaus über die ökologische Krise nach und Politik findet statt, aber beides wird den dominanten Mustern - wie Globalisierung oder steigende Ressourcenverwendung - untergeordnet", sagt Ulrich Brand.
Empirische Forschung zur Konvention biologischer Vielfalt
"Eine Frage, die mich ganz zentral interessiert, ist, inwieweit sich schwache gesellschaftliche Interessen, also beispielsweise die Interessen von NGOs oder von indigenen Völkern, aber auch starke Interessen wie jene von Unternehmen, in staatliche Politiken einschreiben", sagt Ulrich Brand. Konkret forschte er u.a. zur "Konvention über die biologische Vielfalt" der UNO. In dieser geht es um den Erhalt und die Nutzung von Ökosystemen, Arten und genetischer Vielfalt (Biodiversität); sie führte aber auch Eigentumsrechte an genetischen Ressourcen ein. Es ist beispielsweise möglich, dass Pharmaunternehmen bestimmte Kräuter, die bis dahin von indigenen Völkern benutzt wurden, als Arzneistoffe patentieren lassen. Davon haben die ursprünglichen NutzerInnen meist nichts, obwohl sie die Pflanzen kultivierten - und mit dem Patent des Unternehmens könnten sie sogar die Nutzungsrechte an den Pflanzen verlieren.
Die "Konvention über biologische Vielfalt" gilt allgemein als Konvention für den Naturschutz. Dieser dominanten Wahrnehmung hält Ulrich Brand entgegen, dass das Problem komplexer ist: "Ja, es geht um den Verlust von biologischer Vielfalt, was wirklich ein zentrales Umweltproblem ist, aber auch um Ressourcen. Die Konvention sichert die Interessen von Agrar- und Pharmaunternehmen sowie der Kosmetikindustrie ab." Insgesamt zog Ulrich Brand aus seinen Feldforschungen zu den Wirkungen internationaler Politik in Mexiko die Schlussfolgerung, dass es in der praktischen Umsetzung der Konvention in erster Linie um wirtschaftliche Interessen und nicht um Naturschutz geht.
Breite Alternativendiskussion
Brand veröffentlichte neben zahlreichen Aufsätzen in deutscher, englischer und spanischer Sprache in den letzten Jahren zahlreiche Bücher, die sich neben internationaler Politik und den Veränderungen von Staat und Gesellschaft im Globalisierungsprozess auch mit den Perspektiven globalisierungskritischer Strategien beschäftigen. "Alternativen entstehen in sehr vielen verschiedenen Bereichen", erklärt der Politikwissenschafter, "deswegen reicht es auch nicht, möglichst ausgeklügelte Steuerungsmodi wie das Kyoto-Protokoll zu entwickeln, sondern Veränderungen müssen tiefer greifen, die Konsummuster und die Automobilität müssen sich wandeln." Für die nächsten Jahre plant er ein langfristiges Forschungsprogramm zur Internationalisierung des Staates, um neue Einsichten zur politischen Regulierung von Globalisierung zu gewinnen.
Top-Uni
Ulrich Brand schätzt es sehr, mit der Universität Wien einen Ort gefunden zu haben, die ihm seine kritische Forschung ermöglicht. "Ich hab den Eindruck, dass Rektor Winckler und Dekan Richter innovatives Denken fördern, das durchaus quer zum Mainstream sein darf", lobt er seine neue Alma Mater, an der er allerdings die personelle Unterausstattung bedauert. Dabei ist ihm wichtig zu betonen, dass er keinesfalls findet, dass die Universität zu viele Studierende habe: "Ich finde es großartig, dass so viele junge Menschen studieren wollen." (hh)
Die Antrittsvorlesung von Univ.-Prof. Dr. Ulrich Brand mit dem Titel "Kritische Theorie der Globalisierung in Zeiten der ökologischen Krise" (gemeinsam mit Nicola Sekler, MA, und Dr. Markus Wissen) findet am 22. Oktober 2008 um 17 Uhr im Kleinen Festsaal der Universität Wien (Dr.-Karl-Lueger-Ring 1, 1010 Wien) statt.
Literaturtipps: Ulrich Brand, Christoph Görg, Joachim Hirsch, Markus Wissen: Conflicts in Environmental Regulation and the Internationalisation of the State. Contested Terrains. London und New York: Routledge 2008
Ulrich Brand: Gegen-Hegemonie. Perspektiven globalisierungskritischer Strategien. Hamburg: VSA 2005
Ulrich Brand/Werner Raza: Fit für den Postfordismus? Theoretisch-politische Perspektiven des Regulationsansatzes. Hamburg: Westfälisches Dampfboot 2003 (wird gegenwärtig ins Spanische übersetzt und erscheint beim Verlag Siglo XXI) |