Von Istrien bis nach Zypern erstreckte sich der venezianische Überseestaat (Stato da mar). Obwohl in Kroatien, Albanien, Griechenland und Zypern Festungen, Paläste und Kirchenbauten an die venezianische Zeit erinnern, wird von einem venezianischen Südosteuropa kaum gesprochen.
Belastetes Erbe
Zu erklären ist dies zum einen mit der verengten Perspektive der jeweiligen nationalen Historiographien; vor allem aber erwies sich der Umgang mit dem venezianischen Erbe auf beiden Seiten der Adria als schwierig und belastet. Die italienische Außenpolitik hatte vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg die venezianische Vergangenheit des maritimen Südosteuropa zur Rechtfertigung von Gebietsansprüchen instrumentalisiert, eine Politik, die zwischen 1939 und 1943 auch gewaltsam umgesetzt wurde. Nach 1945 wandte sich die italienische Forschung daher besonders von Dalmatien und Albanien ab. In den südosteuropäischen Staaten wurde demgegenüber Venedig lange Zeit als Vorläufer neuzeitlicher italienischer Expansionspolitik verstanden und daher als Fremdherrschaft interpretiert.
Dass das venezianische Südosteuropa nach dem byzantinischen Reich, aber lange vor dem osmanischen Reich und dem Habsburgerstaat die längste politische Präsenz in Südosteuropa aufzuweisen hat (1000-1797), dass es ein epochenübergreifendes, multiethnisches und multikonfessionelles Gebilde darstellt, wurde kaum wahrgenommen. Dabei vereinte der Stato da mar über Jahrhunderte hinweg weite Teile der südosteuropäischen Küste und deren romanische, südslavische, albanische, griechische und vlachische Bevölkerung.
Venedig: Hauptstadt des maritimen Südosteuropa
Zwar stellt das venezianische Südosteuropa auf einer konventionellen Landkarte nur eine schmale Küstenlinie dar. Doch lebte die Handelsrepublik Venedig vom Meer und auf dem Meer. Sie betrachtete die Adria als eigenes Hoheitsgewässer, als eigenes Territorium. In dieser Perspektive bilden die Wassermassen von Adria, ionischem Meer und Ägäis den Kern des venezianischen Seestaates. Die Küstenzone erhält in diesem Blickwinkel die Funktion einer Peripherie, einer logistischen Basis für den venezianischen Fernhandel mit der Levante und dem Schwarzmeerraum.
Der Stato da mar diente ganz den Interessen des Seehandels. Er schützte die Handelswege gegen Piraten und seit dem 15. Jahrhundert besonders gegen die osmanische Westexpansion. Er wurde aber auch zunehmend wirtschaftlich vom venezianischen Patriziat erschlossen, dessen Mitgliedern sich im überseeischen Behördenapparat reiche Karrieremöglichkeiten eröffneten. Zugleich versorgte Venezianisch-Südosteuropa die hungrige Mutterstadt mit Getreide, Salz, Wein und Zucker. Unter seinen Bewohnern rekrutierte Venedig zahlreiche Matrosen für seine Handelsflotte und Soldaten für seine Heere. Aus Südosteuropa strömten Handwerker und Arbeiter nach Venedig. Die Universität Padua zog Studenten aus Übersee an. Wichtige griechische und kroatische Werke wurden in Venedig gedruckt. Es entstanden albanische, dalmatinische und griechische Landsmannschaften (Scuole, eigentlich karitative Vereinigungen), die eine bedeutende kulturelle Tätigkeit entfalteten. Venedig wurde so zur tatsächlichen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Hauptstadt des maritimen Südosteuropa.
Osmanische Expansion
In der Frühen Neuzeit verlor der Stato da mar zunehmend an wirtschaftlicher Bedeutung für die Markusrepublik: Schwere osmanische Angriffe, die allmähliche Verlagerung der Warenströme vom Mittelmeer auf den Atlantik, des Auftreten englischer, holländischer und französischer Konkurrenz im Mittelmeer, der Aufstieg orthodoxer, armenischer, jüdischer und muslimischer Kaufleute auf dem Balkan - all diese Faktoren beschleunigten die allmähliche Hinwendung der venezianischen Elite nach Oberitalien.
Die osmanische Expansion führte bis zum Ende des 17. Jahrhunderts zum Verlust der griechischen Besitzungen in der Ägäis. Der Stato da mar diente nunmehr als defensiver Militärriegel an der Adria. Obwohl Venezianer stets nur in sehr geringer Zahl in Südosteuropa präsent waren, gelang es der Markusrepublik, zahlreiche Untertanen in das venezianische Handelssystem, in Flotte und Heer sowie Teile der Verwaltung einzubinden. Besonders die alten adriatischen Kommunen, die zahlreiche strukturelle Ähnlichkeiten mit Italien aufwiesen, wurden von Venedig nicht anders verwaltet als die Städte im heutigen Veneto. Lokale Autonomie, Rechtstraditionen und Besitzverhältnisse wurden anerkannt. Erst der osmanische Druck bewirkte eine allmähliche Zentralisierung der Kommando- und Verwaltungsstrukturen.
Venezianisches Erbe in Südosteuropa kaum präsent
Für Jahrhunderte bildete der Stato da mar ein Gegenmodell zur osmanischen Herrschaft über den Binnenbalkan. Seine Bewohner hielten mit der gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung des christlichen Südeuropa, vor allem Italiens, Schritt. Innerhalb Südosteuropas bildete das Überseereich daher einen eigenen Kulturraum.
Heute ist im Bewusstsein der Völker Südosteuropas das venezianische Erbe jedoch kaum präsent. Als Staat, der an der Schwelle zur Moderne unterging, vermochte Venedig seine südosteuropäischen Gebiete nicht in gleicher Weise zu durchdringen wie das osmanische Reich und Österreich(- Ungarn) im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Dalmatiner, Albaner und Griechen entwickelten neue nationale Identitäten, die venezianische Elemente verdrängten. Aber auch Venedig selbst verlor nach seiner Eingliederung in den italienischen Nationalstaat seine alte eigenstaatliche Identität.
Die Antrittsvorlesung "Venezianische Horizonte der Geschichte Südosteuropas" fand am Dienstag, 12. Oktober 2005 um 17 Uhr im Kleinen Festsaal der Universität Wien statt. |