"Doktorate habe ich schon genug, was mir fehlt, ist die Matura." Diese anlässlich einer Ehrendoktorats-Verleihung scherzhaft an seine Schwiegertochter gerichtete Bemerkung war Auslöser für die späte Maturafeier. Die Aussage kam dem Direktor der Neulandschule in Wien-Favoriten, Viktor Schmetterer, zu Ohren, der daraufhin ein AbsolventInnentreffen ehemaliger MaturantInnen (Maturajahrgänge 1942-45) und die Verleihung der "Ehrenmatura" an den Physiker organisierte.
Flak statt Matura
Walter Thirring, am 29. April 1927 in Wien geboren, besuchte das Gymnasium in der Neulandschule in Grinzing. Noch keine 16 Jahre alt, wurde er 1943 als Flak-Helfer eingezogen. Das Kriegsende erlebte Thierring in einem Lazarett in Tirol. Schon bald danach hegte er den Wunsch, an der Universität Innsbruck Physik zu studieren. In einem Gespräch mit dem damaligen Dekan Arthur March konnte er diesen von seinen physikalischen Kenntnissen überzeugen. "Ich hatte mich bei einem dreimonatigen Heimaturlaub durch ein 600-seitiges Buch über theoretische Physik durchgefressen und meine Kenntnisse aufgefrischt", erinnerte sich der Wissenschafter. Sein Vater prägte den Weg des jungen Thierring: Er war Professor für Theoretische Physik in Wien und wurde durch den theoretisch vorhergesagten "Lense-Thirring-Effekt" international bekannt.
"Ich bin Arthur March bis heute noch dankbar, denn er hat mir vielleicht zwei Jahre erspart, und die hätten mich später zum Beispiel die Bekanntschaft mit Albert Einstein kosten können", schreibt Thirring in seiner Autobiographie "Lust am Forschen" (Seifert Verlag, 2008). 1946 kam er wieder nach Wien zurück und konnte aufgrund seiner Leistungen in Innsbruck nahtlos an der Universität Wien weiterstudieren. Die fehlende Matura wurde erst 1949 wieder zum Problem, als er im Zuge seiner Promotion Zeugnisse vorlegen sollte. Ein Mitarbeiter wies ihn schließlich auf eine Sonderbestimmung hin, die jene Personen betraf, die die Matura aufgrund der Kriegswirren nicht ablegen konnten. Der Doktorfeier stand danach nichts mehr im Wege.
Wiedersehen mit alten Freunden
Die Verleihung der "Matura honoris causa" sieht Thirring nüchtern, "das bedeutet für mich, dass ich alte Schulfreunde wieder sehe." Doch wie bei einem Ehrendoktorat, "freut man sich, dass seine Arbeit anerkannt wird".
Thirring traf im Laufe seiner Karriere mit Erwin Schrödinger am Dublin Institute of Advanced Studies und mit Werner Heisenberg am Max-Planck-Institut in Göttingen zusammen. Er arbeitete an der ETH Zürich, der Universität Bern sowie am Institute of Advanced Study in Princeton, wo er Albert Einstein kennenlernte. 1959 folgte Thirring dem Ruf an die Universität Wien am Institut für Theoretische Physik Von 1968 bis 1971 war er Direktor der Theorie-Abteilung am CERN und trug 1993 maßgeblich zur Gründung des Erwin Schrödinger-Instituts für Mathematische Physik (ESI) in Wien bei. (APA/red) |