"Wien ist eine wunderbare Stadt!", sagt Univ.-Prof. Dr. Barbara Schneider-Taylor über ihren neuen Lebensmittelpunkt. Einen besonderen Ort hat Schneider-Taylor unweit der Universität für sich bereits entdeckt: Das Minoritenkloster gegenüber dem Campus mit seinen Votivgängen: "Ein Ort der Stille inmitten des Lärms."
Pädagogik statt Philosophie
Im Büro der Neo-Professorin in der Maria-Theresien-Straße hängen zwar große Fotos von Kleinkindern an den Wänden, ihr zentrales Forschungsinteresse gilt aber einem anderen Bereich: der Höheren Schule. Vorgezeichnet war der Weg in die bildungswissenschaftliche Forschung am Anfang ihres Studiums an der Universität zu Köln noch nicht. Sie hatte zunächst Philosophie als Hauptfach und als Nebenfächer Klassische Philologie und das Lehramtsstudium Pädagogik gewählt. Erst durch die hervorragenden Lehrenden, mit denen sie im Fach Pädagogik zu tun hatte, kam der Entschluss, zur Pädagogik als Hauptfach zu wechseln.
Von Köln über Bonn nach Wien
Nach einigen Jahren als wissenschaftliche Mitarbeiterin in Köln führte sie ihre weitere Karriere an die Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, wo sie sich 1999 habilitierte. Die Universitätsstadt Wien schließlich lernte sie zwischen 2001 und 2007 als Gastprofessorin am Institut für Bildungswissenschaft kennen.
Was ihr am Wiener Universitätsbetrieb im Vergleich zu deutschen Universitäten auffällt, ist die hohe Anzahl an Studierenden und deren häufige Berufstätigkeit: "Das erfordert eine entsprechende Anpassung des Lehrangebots, zum Beispiel Blockveranstaltungen am Wochenende. Vergleichbar mit Deutschland sind hingegen der laufende Umstrukturierungsprozess der Universität und die damit einhergehenden Schwierigkeiten."
Historische Perspektive
In ihrer Antrittsvorlesung "Bildungssystem, Bildungstheorie, Bildungsreform" wird Schneider-Taylor zunächst einen historischen Rückblick auf die Reformen des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts als Ausgangspunkt wählen. Gerade diese als Aufklärung beziehungsweise als Neuhumanismus bezeichnete Epoche war eine Zeit der Reformen, die die Neuformierung des Staates zum Ziel hatten. Die Verwaltung eines nunmehr modernen Staates hatte Bedarf an ausgebildeten Fachkräften. Das Bildungssystem wurde zu einem neuen Subsystem innerhalb des Gesamtsystems Staat.
In diesem Lichte sind die preußischen Bildungsreformen von 1809/10 zu sehen, die bis heute mit einem großen Namen verbunden sind: Wilhelm von Humboldt. Bereits 1794 hatte dieser sein Konzept einer höheren Bildung in einem Theoriefragment umrissen. Eine These Schneider-Taylors ist nun, dass Humboldt seine Theorie der Bildung nicht nur umgesetzt hat, sondern daraus auch eine Theorie der Reformen abgeleitet hat.
Reformen heute
Die damaligen Reformen können nun die Anregung zur Reflexion über die Höhere Schule heute sein. Die nötigen Reformen müssen theoriegeleitet sein, um nicht nur den aktuellen Anforderungen des Staates und der Ökonomie zu folgen: "Die Universität muss neben dem Fachwissen auch den bildungswissenschaftlichen Hintergrund gewährleisten. Dazu gehören vermehrt auch Entwicklungspsychologie, Anthropologie, Bildungssoziologie und natürlich methodische und didaktische Kompetenzen. Das Problem ist, dass diese Anteile im Studium noch zu gering vertreten sind. Hier wird man vieles zu bedenken haben", sagt die Bildungswissenschafterin.
Höhere Schule für alle?
Was würde das nun für das Bildungssystem in Österreich bedeuten? Hier sieht Barbara Schneider-Taylor die Notwenigkeit einer Theorie der Reform: "In der Zusammenführung von Theorie und Praxis muss man kritisch reflektieren, welche Optionen der Verbesserung es gibt." Was dabei keinesfalls herauskommen darf, ist eine Höhere Schule, die nur für eine bestimmte Bevölkerungsschicht zugänglich ist. Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund oder in ländlichen Regionen sind hier - trotz vieler Reformen - noch immer benachteiligt.
Die derzeitige Schullaufbahnbestimmung der Schulkinder im Alter von zehn Jahren, wie in Österreich und Deutschland üblich, hält Schneider-Taylor für "problematisch und auf jeden Fall sehr früh". Sie spricht sich eher für eine spätere und behutsame Selektion aus: "Die Kriterien, nach denen Kinder auf eine bestimmte Schulform geschickt werden, müssen reflektiert werden. Ich möchte mich allerdings nicht stark machen für eine Einheitsschule."
Forschungsprojekte
Die derzeitige Forschungstätigkeit von Professor Schneider-Taylor manifestiert sich in ihrem neuen Buch zum "Europäischen Bildungsdenken", an dem sie gerade arbeitet. Im Buch versucht sie zu beantworten, welche kulturellen Spezifika die abendländische Schultradition ausmachen und welche bildungstheoretischen Fragestellungen sich heute daraus ableiten lassen. Zukünftige Projekte werden sich mit der Verbesserung der LehrerInnenbildung befassen (vor allem in Hinblick auf den Bologna-Prozess) und die wissenschaftliche Begleitung von Schulversuchen zum Ziel haben. Bei diesen empirischen Studien geht es beispielsweise darum, wie sich externe Erhebungen (etwa "PISA") auf das Verhalten von SchülerInnen und LehrerInnen auswirken. Hier gibt es in Österreich und Deutschland noch großen Forschungsbedarf. (tam)
Die Antrittsvorlesung von Univ.-Prof. Dr. Barbara Schneider-Taylor mit dem Titel "Bildungssystem, Bildungstheorie, Bildungsreform. Anmerkungen zu einem un(auf)lösbaren Zusammenhang" findet am 29. Mai 2008 um 17 Uhr (im Rahmen des dies facultatis der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft) im Kleinen Festsaal der Universität Wien statt. Im Rahmen des dies facultatis der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaft hält auch Univ.-Prof. Dr. Claus Pias (Institut für Philosophie) seine Antrittsvorlesung: "Details zählen. Zur Epistemologie der Computersimulation" (18 Uhr, Kleiner Festsaal). |