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Stephan Procházka, Foto: privat.


Institut für Orientalistikder Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät Homepage von Stephan Procházka Lebenslauf von Stephan Procháska Einladung zur Antrittsvorlesung
Von Sprachinseln, arabischen Dialekten und Dschinnen
Forschungsprojekte, Porträts Neo-Professuren
Anna Kim (Redaktion) am 27. April 2006

Er ist Spezialist für die arabischen Umgangssprachen im Raum Syrien, Südtürkei und Palästina. Neben linguistischen Studien ist die Erforschung der arabischen Alltagskultur sein Steckenpferd - dann geht es um heilige Stätten, Wundergeschichten und Dschinnen. Seit Februar 2006 ist Stephan Procházka Professor für Arabistik an der Philologisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät, am 4. Mai hält er seine Antrittsvorlesung.

Wie Barbara Eden in der Serie "Bezaubernde Jeannie" kann man sich einen Dschinn nicht vorstellen, ist er doch aus Feuer gemacht. Dass sie aber ihren Meister um jeden Preis heiraten möchte, scheint nicht so erfunden zu sein, wie man es vom Fernsehen annehmen würde: Es gibt Geschichten von Dschinnen, die mit Menschen verheiratet sind. Wenn man sich allerdings mit einem bösartigen Dschinn anlegt, wird's wohl nichts aus dem Wunsch nach viel Geld - in dem Fall heißt es nach der Flasche greifen und gut verstöpseln. Oder man schafft es, ihn durch einen Trance-Tanz zu besänftigen, wie es südtunesische Beduinen-Stämme praktizieren: "Trance-Tänze stellen eine Verbindung zu den Geistern her, dadurch können diese, wenn sie von einem Menschen Besitz ergriffen haben, besänftigt werden. Man will sie nicht austreiben, man möchte mit ihnen harmonisch zusammenleben", erklärt Univ.-Prof. Dr. Stephan Procházka vom Institut für Orientalistik. "Die Geistheiler, die Riten im Rahmen des Dschinn-Glaubens therapeutisch einsetzen, helfen bei psychischen Krankheiten und erzielen zum Teil unglaubliche Erfolge."

Dschinn-Glaube bei den Marazig


Die Erforschung der Alltagskultur in Kombination mit dialektologischen Studien im arabischen Raum hat es Stephan Procházka angetan. Seit Mai 2004 leitet er das vom Wissenschaftsfonds FWF geförderte Projekt "Dialekt, Kultur und Volksreligion in einer sich wandelnden Beduinengesellschaft - der Stamm der Marazig in Südtunesien". Studienobjekt ist zum einen der Dschinn-Glaube...

Dichtung und Wahrheit


...zum anderen die Dichtung, die bei den Marazig Narrenfreiheit genießt: Sie darf Themen ansprechen, über die man in der Öffentlichkeit schweigen würde, etwa das Verhältnis der Geschlechter, das in dieser Kultur durch die stärkere Trennung von Männern und Frauen problematisch und mit Tabus belastet ist. "Man kann in den Gedichten gewisse Grenzen überschreiten, Dinge sagen, die man in einem Gespräch nicht sagen dürfte", so der Arabist. Nie? "Zumindest nicht öffentlich. Am ehesten noch mit dem besten Freund oder der besten Freundin besprechen, nicht aber zum Beispiel mit dem Vater." Auch das schwierige Verhältnis zum europäischen Tourismus wird in der Volkslyrik angesprochen: Im Laufe des Projekts ist es erstmals gelungen, Gedichte zu dieser Thematik zu sammeln.

Eine Sprachinsel in der Südtürkei


Von Nordafrika nach Kleinasien: In der Südtürkei, in einem kleinen Gebiet in der Gegend von Adana und Tarsus gegenüber von Zypern, beschäftigt sich Stephan Procházka mit einer sprachlichen und religiösen Minderheit von rund 100.000 Menschen, die zur islamischen Gruppe der Alawiten gehören. Ihre Besonderheit: Sie sprechen einen arabischen Dialekt, der mit den Dialekten in Syrien verwandt ist, d.h. sie sind eine Sprachinsel. In den rund 300 Jahren, die sie dort lebten, hatte diese Gruppe keinen Kontakt mit der arabischen Sprache; die Bevölkerung kann weder arabisch lesen noch schreiben - das Arabische dort ist eine rein gesprochene Sprache. Die Bildungssprache hingegen ist Türkisch. "Ich musste feststellen, dass die Sprachinsel am Aussterben ist", so der Linguist. "Die jüngere Generation zwischen 20 und 30 versteht zwar noch Arabisch, spricht es aber aktiv nicht mehr."

Erforschung heiliger Stätten


In Kooperation mit seiner Frau, der Turkologin Ao. Univ.-Prof. Dr. Gisela Procházka-Eisl, widmet er sich nun der Erforschung der Heiligtümer der Alawiten, die jedes Jahr zahlreicher werden: "Sie besitzen eine ungeheuer große Anzahl an Heiligtümern, und jedes Jahr entstehen neue, praktisch aus dem Nichts", sagt der Forscher. "Entweder erscheint ein Heiliger den zukünftigen ErbauerInnen im Traum und befiehlt ihnen, für ihn ein Bauwerk zu errichten, oder sie sehen Lichterscheinungen, die auf einen bestimmten Platz deuten, von dem man annimmt, es wäre ein heiliger Platz." Diese Entwicklung sei eigentlich in der islamischen Welt im Abnehmen, so Procházka, weil es dort in den letzten Jahren zu einer starken Opposition gegen Volksreligionen gekommen sei - "dort ist das Gegenteil der Fall".

Alltagskultur und Linguistik


Auch der linguistische Aspekt kommt bei dem Projekt nicht zu kurz, denn "Dialektstudien gehen oft Hand in Hand mit der Alltagskultur": Bei Wundergeschichten über Heilungen erhält das Forscherehepaar neben Hinweisen zur Grammatik auch Erklärungen zu Riten; dass etwa Frauen, die sich Kinder wünschen, kleine Wiegen aus Stoff basteln und Holzpuppen in diese legen. "Es ist mir wichtig, die Gespräche nicht nur wie rein sprachliches Material zu behandeln, sondern auch deren Inhalte zu erforschen."

Arabische Dialekte an der Uni Wien


Und wenn Prof. Procházka - nach zahlreichen Feldforschungsreisen, die ihn u.a. auch nach Palästina führen, wo er bei der vollständigen Erfassung der palästinensischen Dialekte mit dem Ziel, einen Sprachatlas von Palästina zu erstellen, mitarbeitet - nach Wien zurückkehrt, lehrt er arabische Dialekte. Was wichtig ist, wenn man als Arabist im arabischen Raum tätig sein möchte, denn mit der arabischen Schriftsprache kann man sich oft nur mühsam verständigen: Im Alltag wird ausschließlich Dialekt gesprochen. "Wir sind eine der wenigen Universitäten in Europa, die aktiv Dialekte unterrichten", erklärt der Wissenschafter. Dieses Jahr ist Palästinensisch-Arabisch, nächstes Jahr Tunesisch-Arabisch an der Reihe. "Das wird von den Studierenden sehr positiv aufgenommen. Man lernt die Sprache, die man dann wirklich verwenden kann." (ak)


Die Antrittsvorlesung von Univ.-Prof. Dr. Stephan Procházka zum Thema "Gering geschätzt und doch in aller Munde - über die arabischen Dialekte und ihre Erforschung" findet am Donnerstag, den 4. Mai 2006 um 17 Uhr im Kleinen Festsaal der Universität Wien statt.

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