Dass ethnische Identitäten keine Frage des Blutes, sondern Ergebnis historischer Prozesse sind, hat sich in verschiedensten Forschungsrichtungen international zunehmend durchgesetzt. Doch dass Herwig Wolfram, bis zu seiner Emeritierung 2002 Professor für Mittelalterliche Geschichte und Historische Hilfswissenschaften an der Universität Wien, wesentlich dazu beigetragen hat, diese Erkenntnis zu etablieren und Wien eines der weltweiten Zentren für Forschung über ethnische Prozesse des Mittelalters ist, wissen nicht viele. Inmitten dieses internationalen Netzwerkes steht unter anderem Univ.-Prof. Dr. Walter Pohl, Direktor des Instituts für Mittelalterforschung der Akademie der Wissenschaften. Er folgte im März 2006 auf den Lehrstuhl seines Doktorvaters Wolfram und wird dessen Forschung zu ethnischen Prozessen des Frühmittelalters fortführen.
Fortführen - aber mit neuen Akzenten
Was Walter Pohl in dieser Forschungsrichtung an die Universität neu einbringt, ist erstens die Frage, warum ethnische Identitäten politisch so wichtig geworden sind. "Aus der Sicht des modernen Europas kommt es einem so selbstverständlich vor, dass die politische Landschaft nach Völkern und Nationen geordnet ist, dass man normalerweise nicht nachfragt, warum ethnische Identitäten so wichtig geworden sind und wie es dazu gekommen ist", gibt Pohl zu bedenken. Dabei habe die Frage große Bedeutung, weil sie der aktuellen Diskussion über Identität bei Zuwanderungsprozessen eine historische Tiefe verleihe. Zweitens untersucht Pohl den Zusammenhang zwischen Identitätsentwicklung und Christianisierung. Denn die Kirche habe zwar einen sehr universalen Anspruch - zur Gemeinschaft der Gläubigen ist man unabhängig von der ethnischen Zugehörigkeit berufen -, aber ideologisch greife sie als Modell auf das Auserwählte Volk des Alten Testaments zurück, das seine Umwelt als eine Welt von Völkern sieht und begreift.
Neue Forschungsmethode
In der Geschichtsforschung auf die Ebene des Individuums zu kommen, ist nicht leicht, aber dafür umso spannender. Für den 52-jährigen Neo-Professor Pohl steht im Vordergrund, einen breiten Quellenbereich zu erschließen. Er hat diesbezüglich einen neuen Ansatz bei der Untersuchung frühmittelalterlicher Texte entwickelt. Dafür werden unter anderem die handschriftlichen Abschriften ein- und desselben Textes über Generationen hinweg verglichen. Aus den kleinen, aber feinen Veränderungen lässt sich viel darüber aussagen, wie die Individuen die Welt interpretierten. Diese Quellenstudien zur Identitätsbildung muss der viel beschäftigte Forscher jedoch oft seinen MitarbeiterInnen überlassen.
Nachwuchsförderung
Denn WittgensteinpreisträgerInnen werden für herausragende Leistungen gekürt, sollen aber als Gegenzug ihre Expertise zum Wohle der Wissenschaft zur Verfügung stellen. Viel Zeit verwendet Pohl als Wittgensteinpreisträger 2004 deshalb mit der Betreuung von JungwissenschafterInnen. Und mit einer Professur an der Universität wird die Zeit für Lehre naturgemäß nicht weniger. Die Lehre ist aber ein Grund, warum sich Pohl, langjähriger externer Lektor an der Universität Wien, explizit für die Professur entschieden hat: "Ich glaube, dass man gerade in den historischen Wissenschaften nicht im luftleeren Raum forschen kann und es darum gehen soll, Dinge im Dialog mit KollegInnen und Lernenden zu entwickeln." Deswegen setzt er in der Lehre auch persönlichen Kontakt mit den Studierenden ganz oben auf seine Prioritätenliste.
Fallbeispiel Langobarden
Trotzdem hofft der Preisträger, demnächst Zeit für zwei eigene Forschungsvorhaben zu finden. Pohl plant sowohl ein Textbook über ethnische Identitäten im Frühmittelalter als auch eine Geschichte der Langobarden zu schreiben. Sicher, solch eine Geschichte ist schon geschrieben worden. Aber der Historiker will über das Gesagte hinausgehen und grundsätzlich die Idee aufgeben, dass die ethnische Identität, die hinter dem Namen Langobarden steht, etwas klar Abgrenzbares wäre. Aus dem Fallbeispiel lässt sich viel generalisieren: "Das war ein offener Prozess, in dem die langobardische Identität von der Identität einer Minderheit einer kleinen Gruppe von Zuwanderern in Italien im 6. Jahrhundert letztlich zu einer territorialen Bevölkerung namens Lombarden wurde, die dann natürlich diese politische Einheitlichkeit verloren hat."(hh)
Die Antrittsvorlesung von Univ.-Prof. Dr. Walter Pohl mit dem Titel "Die 'ethnische Wende' des Frühmittelalters und ihre Folgen" findet am Freitag, 19. Mai 2006, um 17 Uhr im Kleinen Festsaal der Universität Wien statt. |